Vor einigen Jahren las ich von einem Digitalphilosophen und dachte mir, bitte erspart mir den nächsten Typus Coach, die wie Pilze aus feuchtem Waldboden wuchern. Dann kam der Moment, in dem ich erkannt habe, wie wichtig Digitalphilosophen sein werden und habe festgestellt, dass ich eigentlich genau das jeden Tag mache – wie ein Digitalphilosoph denken und handeln.

Was macht denn ein Digitalphilosoph? Erstmal kann er auch eine Philosophin sein. Ich schreibe nur in einem Geschlecht, weil es Texte einfach lesbarer macht. Sie werden es mir verzeihen. Der Digitalphilosoph hinterfragt alle digitalen Errungenschaften bezüglich ihrer Auswirkungen auf den einzelnen Menschen, die Gesellschaft, auf gesellschaftliche Gruppen, die Familie, Paare, die Weltbevölkerung. Jede kommunikative Errungenschaft hat all diese sozialen Beziehungen nachhaltig beeinflusst. Telefon, Fax, Bildtelefon, Mobiltelefon – sie alle haben massive Auswirkungen auf jede Form menschlichen Seins gehabt. Sie haben die Welt kleiner, die Kommunikation leichter gemacht. Gleichzeitig aber auch dazu geführt, dass Informationen entmenschlicht wurden. Je standardisierter Kommunikation ist, desto mehr muss man schreiben, um emotional eindeutig zu sein.

Das alles verlangt nach philosophischer Einordnung. Die Technik und speziell die Digitalisierung sind schon schwer genug, um vom Menschen verdaut werden zu können und doch sind sie erst am Anfang, gemessen an dem, was noch kommt. Und wie schnell es kommen wird. Richtig schwer wird es bei autonomem Fahren, bei künstlicher Intelligenz, bei Maschinenlernen und dem Internet der Dinge (IoT, Internet of Things), und bei allen systematisch und semantisch erhobenen Daten, deren Vernetzung und dessen Schutz.

Ethik währt am längsten
Technik provoziert schnell die Ethik und die hängt dann gerne nach. Denn eine Technik lässt sich von einem Techniker schnell installieren. Doch Kultur lässt sich oft nur über Generationen ändern. Hier sind Philosophen gefragt – und Digitalphilosophen.

Technik irritiert am schnellsten
Hinzu kommt, dass Technik sich mit ihrer inneren Kompliziertheit so weit vom normalen Menschen entfernt hat, dass sie nur noch von einer Technikelite ganz verstanden und damit beherrscht werden kann. Wie viel Prozent der Weltbevölkerung können die Technik eines Mobiltelefons auch nur im Ansatz technisch wirklich verstehen und erklären? Und viele viele nutzen diese Technik? Hier ist der Digitalphilosoph gefragt, der nicht die Technik als Technik erklärt, sondern als Impuls für Veränderung, für welche Veränderung und wie man sich diesen Veränderungen stellen kann – oder sogar zwingend stellen muss. Der Digitalphilosoph hechelt dabei nicht der schnellen Technik hinterher, sondern bettet sie in langwellig Betrachtungen und Prognosen ein. Entschleunigt, was sonst zu schnell ist, um vom Einzelnen bewertet werden zu können.

Es waren die alten Philosophen, die vor tausenden Jahren den Grundstein für noch heute existierende und funktionierende Strukturen gelegt haben. Doch stellt man jetzt fest, dass sich die Technik, insbesondere die Digitalisierung, so extrem schnell und disruptiv verändern, also unvorhersehbar, dass der Mensch und seine sozialen Strukturen nicht mehr hinterherevolutionieren können. Das Gap zwischen der Technik und dem Menschen wird dramatisch größer. Dieses Gap muss gefüllt werden, wenn Technik und Digitalisierung so nah am Menschen bleiben sollen, dass der Mensch das alles noch als Segen empfinden kann und nicht nur noch als Bedrohung empfinden muss.

Technik muss den Menschen lieben
Ich philosophiere schon seit vielen Jahren, dass die Digitalisierung die größtmögliche Hinwendung zum Menschen erfordert und das Menschsein zu einem der edelsten Werte erheben wird. Das Menschsein, das sich eben nicht digital abbilden und nachempfinden lässt. Zwischen jedem Programmierer und Kunden sollte deshalb ein Digitalphilosoph sitzen, der verbindet, übersetzt, interpretiert. Denn Technik und Digitalisierung erfordern immer noch viel zu sehr, dass wir uns als Menschen der Technik zuwenden, damit sie wirklich gut funktioniert.

Das menschliche Makel als Maßstab aller Dinge
Sich dem Menschen technologisch zuzuwenden, heißt, ihn dort ernst zu nehmen, wo er am wenigsten der Technik ähnelt. Ihn dort ernst zu nehmen, wo er fehlerhaft ist, wo er irrational ist, wo er emotional ist – was sich alles nicht technisch abbilden lässt. Heute noch nicht und sehr lange noch nicht, wenn es überhaupt mal technisch möglich sein wird. Den Menschen zu verstehen, um ihn mit Technik als Mensch erreichen zu können, bedarf als erstes des Wissens um seine Fehlerhaftigkeit, denn da fühlt er sich selbst als Mensch in Abgrenzung zur Technik und wird sich dieser Fehlerhaftigkeit romantisch, intensiv, leidenschaftlich hingeben. Denn mit was kann der Mensch zeigen, dass er Mensch ist und nicht Technik? Mit dem Makel, das Technik nicht abbilden kann. Wer also menschlich sein möchte, als menschlich empfunden werden möchte, sich dem Menschlichen hingeben möchte und Menschen erreichen möchte, der muss das menschliche Makel zum Maßstab aller Dinge machen, auch zum Maßstab der Technik.

Das Ende der Selbstoptimierung
Der Phase der irren Versuche, den Menschen bis zur Perfektion zu optimieren, dem sich Heerscharen von Coaches und widmen, wird die Phase folgen, in der der Mensch das Menschsein mit seiner Fehlerhaftigkeit wieder schätzen und lieben lernen wird. Ich meine nicht den kranken Psychopathen zuzulassen, den Verbrecher. Nein, die werden kulturell und gesellschaftlich immer geächtet bleiben und so herausgefiltert werden. Es geht um die kleine Unzulänglichkeit. Das nicht Perfekte. Das Überraschende. Das menschliche Makel. Es geht um den Menschen, der der Technik die Grenzen zuweist. Der die Technik fordert und irritiert. Den Menschen, der den Fehler zum Ereignis macht, wo digitale Perfektion zur größten Langeweile der Menschheit verkommen ist. Die Coaches werden das sicher auch irgendwann erkennen und dann den Weg zurück zur fehlerhaften Menschlichkeit lehren. Die Digitalphilosophen sind dann sicher wieder einen großen Schritt voraus.

 

 

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Partnerin und Muse Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.