Das Interview mit Konsorte Jörg Kremer führte ein MacBook Air im Bordrestaurant eines ICE mit defekter Kaffeemaschine. Das Treffen endete mit „Rührei naturelle“!

Huren können behaupten, sie wären gezwungen worden, anschaffen zu gehen. Werber können das nicht. Warum wird man dann Werber?

Der gewöhnliche Mensch ist in Werbung verwickelt. Ungewöhnliche Menschen werben. Das ist eine Formulierung aus der Nähe eines Zitats von Henry Miller. Mit Miller und seinem offenen, direkten Blick auf das Leben bin ich auch schon ganz nah an den Wurzeln meines Werberwerdens. Ich las: „Sex sells!“ In der Sekunde danach war ich Werber und vierzehn.

Der Werbeofen wurde in den Achtzigern mit Koks gefeuert, der auf jeder Rechnung als eigene Position stand. Wo waren Sie zum Entzug?

Wer nicht ganz oben einstieg, den Weg des einsamen Werbers ohne Erbschaft und Startkunden wählte, trank aus den Ablaufrohren der Kläranlagen in Richtung Rhein, Isar, Elbe, Oder und Ruhr, um mit den Spuren des Koks der anderen zu überleben. Wir haben manchmal mit dem Risiko eines Kaffeeentzugs gespielt – und immer gewonnen.

Wie haben Sie die Dekadenz der Werbung gelebt?

1989 ging ein Existenzgründungskredit, um dessen Provision sich schwangere Sparkassenangestellte vor mir nach Kräften dumm anstellten, fast komplett für einen Apple drauf. 40.000 DM brannten ab, als wäre es trockenes Gras. Das war dekadent. Dann lebten wir die Dekadenz des strömenden Endorphins, das uns der Erfolg als Pfütze um die Füße spülte. Doch wirklich dekadent war der Geist der sich alles erlauben durfte. Wir ritten die Ideen nackt ohne Sattel!

Wie hieß der Wurm, den Sie für die Kunden badeten?

Es waren junge, kräftige Würmer, die auf die Namen „Corporate Design“ und „Corporate Advertising“ hörten. Wir brachten das wilde amerikanische Marketing-Fastfood und wollten es in den Gulaschkanonen deutschen Marketings verschießen. Der Radau war groß und die kohlenpötter Unternehmen knarrten bis hoch in die Palisanderetagen. Auf der Spanplattenebene roch es aber noch sehr nach dem guten, alten Gulasch. Also stellten wir uns in unserer sexy drapierten Missionarskutte, die Kordel auf Figur geschnürt, keck an die Straße, fielen auf und wurden von denen mitgenommen, die Kopf und Budgets lockerer sitzen hatten.

Was war der Wahnsinn dieser Zeit?

Es galt die Gulaschdenke im Marketing und die Rubbelära im Design zu überwinden und wir landeten direkt in der Selbstbefriedigungsära. Dachte vorher jeder, der Letraset buchstabieren konnte, er wäre Designer, tanzten und jubelten plötzlich alle um das goldene Kalb „DTP“ herum. Werbewünsche wurden damit selbst befriedigt. Jede Nichte eines Vice hatte mal Sex mit einem gehabt, der DTP buchstabieren konnte, einen Computer und Software hatte, die unglaublich viele Effekte einfach nur so konnte. Also bestand Werbung längere Zeit aus all diesen Effekten, die von unkundigen Augen auf engstem Raum gestapelt wurden. Werbung wurde billig und sah auch so aus. Die wirtschaftlichen Ergebnisse ließen die Unternehmer auf ihre Zahlen, wie auf ein aufgesetztes Bolzenschussgerät des Tierschlächters schielen. Der Effekt „Bolzenschuss“ wirkte sofort. Treffer! Viele starben direkt. Andere zuckten sich zu Tode.

Eine Frage noch?

Ja!

Sie haben sich mehr erhofft? Das MacBook Air auch. Es wird in 2014 investigativ nachhaken, wie Snowden und Wikileaks zusammen enthüllen, was nicht enthüllt werden müsste.

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute im Ruhrgebiet.

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