Der Sage nach sollte amazon mal relentless heißen. Gnadenlos! Ein guter Name, wenn man gnadenlos in der extrem positiven Bedeutung verstanden wissen möchte, die dieses Wort haben kann. Man könnte auch sagen, der Name ist gnadenlos gut. Exakt genau so gut finde ich amazon. Gnadenlos gut.

Was passiert in unserer Gesellschaft? Es wird wieder mehr selbst gekocht, man definiert sich über einen gesunden Körper und überall stehen Waagen rum, in denen man Work und Life ausbalancieren soll. Das sind alles Umstände, die Umstände machen, also Zeit kosten. Zeit, die an anderer Stelle fehlt. So zum Beispiel beim Einkaufen. Den Lustkauf, bei dem man einen besonderen Händler ansteuert, weil man sich dort auf irgendeine Weise aussergewöhnlich wohl fühlt, wird man nicht kürzen oder ganz aufgeben. Aber was ist mit den 90% der Dinge, die man kauft, weil man sie kaufen muss? Eher lustlos, weil sie keinen Spaß machen oder niemand da ist, der diese Käufe lustvoll werden lässt. Man könnte bei diesen 90% extrem viel Zeit und Aufwand sparen, um die Kraft dann in produktivere Themen zu investieren.

Warum sollte ich für ein Bügeleisen oder einen Trockner den Fachhandel aufsuchen? Warum so viel Zeit verplempern, wenn man diese Dinge innerhalb von wenigen Minuten aus einem sehr großen Angebot inklusive umfangreicher Information, unabhängiger Tests und persönlicher Empfehlungen im Internet kaufen kann. Bei amazon mit „one click“! Und am nächsten Tag klingelt es und jemand bringt mir diese Dinge direkt zu mir nach Hause.

Warum soll man den Wochenbedarf von 10 Litern H-Milch für eine große Familie nicht bringen lassen, anstatt dieses Standardlebensmittel jede Woche missmutig selbst zu holen? Es gibt dafür keinen Grund.

Wenn man in einem Lastenfahrrad einen Sitz polstern möchte, braucht man Schaumstoff in der richtigen Dicke und Festigkeit, dazu Kunstleder möglichst in einer passenden Farbe, einen Tacker und eventuell noch Sprühkleber. Wo bekommt man den Schaumstoff? Wo bekommt man das Kunstleder? Wo den Tacker? Wo den Sprühkleber. Den richtigen. Im schlechtesten Fall sind das drei Geschäfte. Geschäfte, deren Adresse man nicht unbedingt kennt. Da geht eine Menge Zeit, Benzin und auch noch eine Menge Geld bei drauf. Bei amazon sind das vier Suchbegriffe, jeweils maximal drei Minuten Orientierung in den Ergebnissen und dann wieder der magische „one click“.

Eine Kindermatratze in 90 mal 200 kann man in einer sehr begrenzten Auswahl in einem neonlichtgetränkten Matratzengeschäft, bei Ikea oder in einem niedlichen Kinderfachgeschäft kaufen. Entweder gibt man sich mit der Auswahl und dem Preis in einem der drei Geschäfte zufrieden, oder man fährt rum. Beides ist unschön.

Bei all den Beispielen ist noch nicht erwähnt, dass Warten auf Bedienung, schlechte Bedienung, fehlende Auswahl, Kassenschlangen und diverse Anfahrt- und Parkplatznöte grundsätzlich keinen Spaß machen. Man darf auch nicht denken, der Verkäufer im stationären Fachhandel ist unabhängig. Der schaut, bei welchen Marken oder Einkaufsgemeinschaften er die besten Incentives bei bestimmten Umsatzhöhen bekommt und fliegt damit lieber nach New York, als dem Kunden wirklich das beste Produkt zu verkaufen.

Wenn amazon gnadenlos ist, dann ist amazon gnadenlos gut.

Ja, amazon verschafft einigen Branchen Probleme. Diese Probleme gab es aber zu allen Zeiten bei der Einführung neuer Techniken und bei größeren, gesellschaftlichen Neuorientierungen. Schuld am gnadenlosen Erfolg von amazon ist nicht amazon. Schuld sind die, die nicht bemerkt haben, dass die Menschen und das Leben sich verändern und damit der Bedarf und die Art, Bedarfe zu decken.

Der Buchhandel hat viele Jahre derartig tief geschlafen, dass es natürlich ist, dass es dem Buchhandel schlecht geht. Heute gleichen Buchhändler mehr Kindergeschäften, Geschenkshops und Krimskramsläden. Das kann die Entwicklung kurz abfedern, wird aber langfristig das Sterben nicht verhindern. Denn bei amazon kann man zum Buch heute auch schon eine Leselampe, eine Buchstütze, eine Buchhülle, Geschenkpapier und tausende andere Dinge, eine Kindermatratze zum Beispiel, hinzukaufen und das mit nur einem einzigen, gnadenlos guten „oneclick“.

Der Buchhandel hätte unzählige Möglichkeiten, das Buch sehr menschennah inszenieren zu können. Möglichkeiten, die amazon nicht hat. Der Buchhandel könnte sich wieder ersehnenswert machen. Ersehnenswerter denn je. Warum kann man zum Beispiel bei Apple bei jedem Mitarbeiter kaufen und bezahlen? Warum kann man das nicht im Buchhandel und muss sich an übervollen Etagen- oder Zentralkassen langweilen lassen?

Warum können Kunden des Buchhandels nicht mit jedem gekauften Buch eine Bewertung im Internet abgeben (validiert über die Nummer des Kassenbons) und so individuelle, lokale Bestsellerlisten entstehen lassen, über die man den Namen des Händlers schreiben kann. Wo ist die große Videowand, auf der Autoren zu sehen sind, die über ihre Bücher sprechen. Wo steht der Stuhl, auf dem Kunden Lieblingsstellen aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen können und alle anderen zuhören können? An welcher Stelle wird die digitale und die analoge Welt so verbunden, das aus beiden zusammen eine neue Welt entsteht? Eine gnadenlos neue Welt!

Wenn amazon gnadenlos ist, dann in der Nutzung der Räume, die man amazon gibt. Absichtlich, weil man mit amazon groß werden wollte. Unabsichtlich, weil man die sich öffnenden Räume nicht genutzt hat.

Es ist absolut okay, wenn man bei Gedanken zu amazon irgendwann am Buch hängen bleibt, denn das Buch war – ist es vermutlich immer noch – ein wichtiger Treiber. Diesen Treiber nutzend, hat amazon den Rest des Business erfolgreich daran gekoppelt. Ist das gnadenlos? Wenn ja, dann ist es der Buchhandel auch. Der wildert jetzt nämlich auch in vielen anderen Bereichen und macht somit das Leben von Lifestyle und Accessoire-Geschäften, Spielzeuggeschäften, Papeterie-Geschäften und vielen anderen kleinen Handelsformen schwer. Wird manche Existenz sogar ruinieren. Gnadenlos.

amazon ist verdammt groß. Das kann Angst bereiten. Aber auch amazon ist nichts anderes, als eine Handelsform, die in einer bestimmten Zeit Vorteile hat und diese nutzt. Die Zeiten werden sich ändern. Gnadenlos. Und dann wird man sehen, ob amazon nicht zu groß sein wird, um sich daran anzupassen.

Gnadenlos spannend.

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute im Ruhrgebiet.

2 Comments on “Hirn der Woche: amazon ist gnadenlos! Gut!

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