Was braucht man heute noch, um arbeiten zu können, wenn man nicht im stationären Handel direkt am Kunden oder in der produzierenden Industrie direkt an der Maschine arbeitet? Einen Internetzugang und einen Computer. Alles andere ist Status.

Die Größe des Schreibtischs, die Ausgeladenheit des Bürosessels, alleine schon das Wort Sessel ist ein Arbeitsplatzdinosaurier, die Quadratmeter um den Platz herum, den man wirklich benötigt, ist Status. Um nur die spontan sichtbarsten Machtsymbole zu nennen. Den wirklich notwendigen Platz für die Arbeit von heute, wie Millionen sie verrichten, kann man fast überall finden, ohne dafür große Bürokomplexe bauen zu müssen. Das Problem – auch die demonstrieren Potenz und werden zur Darstellung genutzt. Man stelle sich zwei Konzernlenker vor. Der eine sagt, wir haben gerade eine neue Firmenzentrale für 500 Millionen gebaut. Der andere sagt, wir haben keine Firmenzentrale mehr. Brauchen wir nicht. Okay, die Idee klingt heute schon nicht mehr so verrückt und machtlos, wie vor 20 Jahren. Aber in der Wirkung sind die alten Symbole der Macht immer noch voll wirksam. Es waren die Häuptlinge, die die größten Zelte hatten, die Potentaten, die die größten Paläste bewohnten und die Religionen, die mit großen Bauten, die Gläubigen klein halten wollten. Wer heute so archaisch Macht ausstrahlen möchte, bekommt Gegenwind. Nachhaltigkeitsgegenwind! Den zumindest. Man muss dann schon beweisen können, dass das Machtsymbol eigentlich viel vernünftiger ist, als es aussieht. Besser noch, es ist viel vernünftiger, als die kleinere Vorversion. Doch diese Argumentation hat Grenzen und die sind erreicht. In der „aufgeklärten“ Welt.

Okay, gehen wir mal davon aus, die Konzernlenker benötigten diese Machtsymbole nicht mehr. Dann könnte ein Konzern zum Beispiel in 20 deutschen Städten einen Vertrag mit einer Hotelkette haben und deren Hospitality nutzen. sporadisch einen Raum, Bewirtung von Gästen und Konferenztechnik, wenn sie denn notwendig ist. Die Mitarbeiter arbeiten Zuhause, in Cafés, die darauf spezialisiert sind, in den Hotellobbys diverser Hotelketten, die endlich mal wieder belebt wären. Oder an Flughäfen, in Bahnhöfen, Zügen und anderen Orten, an denen man Zeiten verbringen muss, die sich arbeitend produktiv nutzen ließen. Wie gesagt, Internetanschluss und Computer reichen für Millionen von Menschen, um machen zu können, womit sie ihr Geld verdienen.

Man muss neues Denken stark machen und altes Denken neu besetzen. Es ist dann eben nicht mehr Macht, den größten oder höchsten Bau der Stadt, des Landes oder der Welt bewirtschaften zu müssen. Es ist Macht, wenn man unabhängig davon ist und immer da sein kann, wo die Macht des Denkens relevant ist. Arbeit verlässt dann die schützenden Mauern des Unternehmens und wird sichtbar. Für die Familie und die Gesellschaft. Das hat den Vorteil das Arbeitsleistung dort erbracht wird, wo sie im Endeffekt auch ihre Früchte trägt – in den Märkten. Direkt vor den Menschen! Das kann die Wirtschaft massiver beeinflussen, als wir uns das heute vorstellen können. Am Ende ist das die Macht, unter den Menschen zu sein. Die Märkte schreien nach Nähe und Verbindlichkeit, nach Verantwortung und Augenhöhe. Wenn das nicht erst im Marketing nachträglich erzeugt werden muss, sondern von Beginn an gelebt und in jedem Gedanken jeden Mitarbeiters verankert wird, gibt es nur wenig, was in Zukunft mächtiger sein könnte.

Wo stehen wir heute? Wo hat die Arbeit ihren Platz? Wenn es ganz gut läuft, gibt es die Möglichkeit, zu bestimmten Zeiten von Zuhause zu arbeiten. Eventuell existiert noch ein Zeitkonto, auf dem Jahresarbeitszeiten abgearbeitet werden können. Pradiesisch ist es, wenn man Aufgaben bekommt und dem Unternehmen egal ist, wie schnell die erledigt werden. Aber diese Zustände sind in allen denkbaren Kombinationen noch die absolute Ausnahme.

Woran liegt das? Am Statusdenken und den dazugehörigen Statussymbolen. An einer gesamtgesellschaftlichen Gewohnheit, einem Arbeits-Mem, dem man sich aktiv entziehen muss. Es liegt aber auch an jedem selbst. Hat man diese weichen Faktoren bei der Jobsuche wichtig genug gemacht? Ist man als Unternehmer selbst flexibel genug und lebt die neuen Machtsymbole? Sind die, die Helden, die sich den Statussymbolen entziehen. Oder werden sie noch zu Sonderlingen abgestempelt, die sich der Arbeit entziehen wollen? Das wäre falsch, denn sie sind es, die die Chancen und Notwendigkeiten schon erkannt haben. Für sich persönlich, die Gesellschaft und eventuell sogar für das Wirtschaftssystem, das sich durch die persönliche Nähe der Arbeit zum Leben massiv verändern wird.

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Ein Blick hinter die Kulissen bei den Konsorten: Der Stuhl ist nur noch ein Hocker. Der Schreibtisch nur groß genug. Der Computer ist mit 11 Zoll für Mobilität optimiert. Die meisten Daten sind in der Cloud. Die Tasche hat den zweitwichtigsten Platz, weil sie gepackt für jede Mobilität sofort griffbereit ist. Dinosaurier, Totenkopf und Hirn im Glas sind nur stumme Zeugen einer Gesinnung, die „biology first“ heißt und mit den bekannten Regeln des Marketings und der Kommunikation bricht und damit schon im Morgen angekommen ist. Der Raum bietet Platz, aber wenig Raum. Es ist ein Zustand zwischen gestern, heute und morgen. Aber schon mehr heute mit viel morgen.

 

 

 

 

 

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute im Ruhrgebiet.

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