Heiligabend: Man steht vor einander, legt den Kopf leicht zur Seite, lächelt milde, holt tief Luft, fällt sich in die warmen Arme, um sich Frohes zu wünschen und die Lippen verlässt nur noch ein Zischen, Pusten, Brabbeln. Lippen und Zunge versagen ihren Dienst. Sie können nicht mehr. Manchmal wollen sie auch einfach nicht mehr. Ja, was eigentlich? Frohe Weihnacht sagen. Manche bleiben in dieser Situation und Position, schlafen weihnachtsmüde ein.

Im Oktober beginnt das Martyrium der menschlichen Sprechapparate. Beim Discounter türmten sich auf 10 Meter Länge die saisonalen Üblichkeiten. Alles schon so an- und hergerichtet, als wäre Weihnachten schon am nächsten Tag und man müsse sich beeilen, nicht ohne diese Üblichkeiten zu enden. Da hört man es sich selbst sagen: Na dann frohe Weihnachten! Und man hört sich denken: Ach du Scheiße, jetzt schon. Das erste Mal geht einem die frohe Weihnacht recht locker über die Lippen. Die Ohren sind erstaunt, diese Worte schon zu hören und die Gehirne sind noch wirklich überrascht. Man hadert mit dem extremen Vorlauf, hat aber noch Freude an den Wörtern, deren Verbindung, an der Betonung und auch daran, an den richtigen Stellen zu atmen. Lunge, Zunge, Gaumen, Lippen, alles ist willig. Eventuell hört man eine ganz klitzekleine Unsicherheit. Nicht mehr, als bei einem schwierigeren Wort, das man selten nutzt, aber dennoch ohne hörbares Stocken sagt. Nur mit etwas weniger Luftdruck aus dem Brustkorb ausgestattet.

Einzelhandel, Internethandel, Gastronomie und Dienstleister fahren ab diesem Moment alles auf, was Kommunikationskanäle und Auslage vertragen. Denn für die geht es oft um nichts weniger, als das pure Überleben. Frohe Weihnacht, auch in der Mehrzahl gerne genutzt, wird gesagt, geschrieben, gefilmt, gespielt, getanzt und mit jedem Tag, dem man sich der Weihnacht wirklich nähert, mit immer mehr Druck erwartet, dass man das doch bitte auch sprechend erwidert. Im Oktober denkt man es meist noch zurück, wenn man auf ein frohe Weihnacht trifft. Im November gibt es dann schon Situationen, die erste ausgesprochene Erwiderungen notwendig werden lassen. Der Sprechapparat ist da noch relativ locker und reagiert vorerst gelassen. Obwohl – bei Telefonaten fällt jetzt schon deutlich öfter der Satz: Falls wir uns nicht mehr sprechen sollten – frohe Weihnachten. Schreibt man Mails oder diese alten Papierbriefe und spricht leise mit, was man schreibt, kommen hier schon etliche frohe Weihnachten zusammen. Hier hilft Weihnachtsmagnesium in der Weihnachtsverpackung aus der Weihnachts-Aktions-Warengondel vor frühen Krämpfen des oberen Sprechapparates.

Spätestens mit dem ersten Adventswochenende, also dem ersten Konsumwochenende, verlässt das „frohe Weihnacht“ die Denk- oder Flüsterebene und kommt mit aller Macht auch im oberen Sprechapparat an. Es gibt kein Telefonat, kein persönliches Gespräch, keinen Fremdkontakt, der nicht wünscht und bewünscht werden möchte. Jeder hat jetzt schon so viel frohe, so viel Weihnacht und so viele Weihnachten gehört und gesagt, dass die Systeme anfangen zu schwächeln. Das Gehirn reagier nur noch ermattet, lässt keinerlei Emotion über das limbische System hinaus. Das Sprachzentrum hält sich nicht mehr für zuständig und denkt, diesen Automatismus könnte jetzt das Stammhirn übernehmen. Wie die Atmung. Alle am Sprechvorgang teilnehmenden Körperteile bräuchten jetzt eine Pause für die Formulierungen frohe Weihnacht und frohe Weihnachten.

Eine Woche vor Weihnachten: Für ein paar Menschen kann man sich mit Ohrfeigen vor dem Weihnachtswunsch noch einmal aktivieren. Das dann in genügend großer Menge ausströmende Adrenalin lässt noch mal sehr glaubwürdige Wünsche den Körper verlassen. Fremdwünsche werden im Vorbeigehen nur noch mit salbungsvollen Handbewegungen erwidert. Mit einer Kusshand, mit einer Hand, die vom eigenen auf das Fremdherz weist, mit einer königlichen Drehung der Hand um das Handgelenk. Da sind der Phantasie zur selbstunterhaltenden Abwechslung kaum Grenzen gesetzt.

Dann ist es so weit. Weihnachten. Jetzt, wo es so wichtig wäre, wo es so ehrlich wäre, wo der Wunsch so gerne den Kopf verlassen und andere Herzen treffen möchte, versagt das System. Man steht vor einander, legt den Kopf leicht zur Seite, lächelt milde, holt tief Luft, fällt sich in die warmen Arme, um sich Frohes zu wünschen und die Lippen verlässt nur noch ein Zischen, Pusten, Brabbeln. Lippen und Zunge versagen ihren Dienst. Sie können nicht mehr. Sie werden vom Gehirn nicht mehr bedient und könnten das auch nicht mehr formen.

Für diesen Moment wurde dieser Text geschrieben. Drucken Sie ihn zahlreich aus und geben Sie ihn Ihrem Gegenüber, bevor es zu peinlichen Situationen weihnachtlichen Versagens kommt und der Frieden gefährdet wird.

Übrigens: Von Jörg Kremer und Konsorten:

Frohe Weihnacht und Weihnachten!

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute im Ruhrgebiet.

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