(Viele fragen, woher ich „diese ganzen Geschichten“ immer nehme. Die kurze Antwort: Ich flaniere sie in mich hinein. Die lange Antwort folgt hier…)

Im 19. Jahrhundert war Flânerie ein Zurschaustellen der eigenen Person. Der Flaneur hatte nichts im Sinn, außer ziellos zu gehen, um gesehen zu werden. Dazu musste er nicht nur anwesend sein, sondern auch entsprechend inszeniert. Im 20. Jahrhundert wandelte sich die Flânerie. Der Flaneur wurde zum Betrachter, zum Beobachter, nahm sich selbst zurück. Dann im 21. Jahrhundert wurde aus dem beobachtenden Flaneur ein analysierender. Heute ist der Flaneur ein Beobachter sozialer Strukturen, Analyst des Menschlichen, des Zwischenmenschlichen, nicht wirklich einem festen Ziel folgend aber Beobachtungen verfolgend, um in ihre Tiefe dringen zu können. Jedem Umweg dabei aber lustvoll zugetan, um Ziele finden zu können, die er vorher noch nicht kannte.

Frauen, die sich als Flaneusen betätigten wurden früher der Prostitution zugerechnet, bis Frauenrechtlerinnen die Flânerie als Widerstand gegen die männliche Autorität entdeckten und ihr so jede Opferhaltung nahmen. Weibliche Flânerie wurde zur Rebellion gegen männliche Autorität und Weltanschauung.

Der Flaneur war im Industriezeitalter ein Mahnender gegen die industrielle Apokalypse. Unproduktiv sein, wo einzig Produktivität zählte, individuell sein, wo Konformität in Produktion und Konsum die Götter waren, die jeder anbetete. Hinschauen, wo alle wegschauten, um nicht aufzuwachen. Nicht zu schnell aufzuwachen. Flânerie gewann an Ansehen und schaffte den Sprung aus ihren Ursprüngen der sinnierenden Wanderer über die Selbstdarsteller mit Edgar Allen Po dann zur Kunstform in die Literatur.

Das IT Zeitalter forderte den Flaneur als Hüter des nicht Messbaren, dessen, was nicht in Einsen und Nullen abbildbar und beliebig multiplizierbar war. Der Flaneur sammelte das Analoge, um es einer individuellen Schönheit zuzuführen. Er selbst konnte in den Hintergrund treten, musste dies sogar, um intimer sehen und fühlen zu können. Zu große Selbstinszenierung hätte die Qualität des Beobachters extrem verschlechtert. Der soziale Mensch, soziale Gefüge und soziale Dynamiken entfalten sich am besten, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Wieder war der Flaneur ein gesellschaftlicher Gegenpol.

Die Digitalisierung der Gesellschaft evolutionierte die aktuellste Form des Flaneurs heraus. Jetzt dient Flanerie der Entdeckung und Huldigung des Menschlichen. Das Menschliche Makel muss nicht nur im Detail gesehen und beschrieben, sondern auch zur höchsten Kunst stilisiert werden. Denn in einer digitalen Gesellschaft ist alles Menschliche, das von Computern simuliert werden kann, wertlos geworden. Jahrzehnte wurden Menschen darauf getrimmt, so zu arbeiten und zu denken, wie Computer, sie wurden in den digitalen Circus Maximus geschickt, gegen Computer anzutreten. Jetzt ist klar, in diesen Disziplinen wird der Computer immer gewinnen. Langsam entweicht der Druck aus dieser Konkurrenz und weicht der Angst, vor der Bedeutungslosigkeit.

Die Flânerie ist es, die genau jetzt das menschliche Makel pflegt. Eben nicht präzise zu sein, nicht erklärbar, nicht berechenbar, nicht produktiv, nicht beliebig reproduzierbar. Der Flaneur lebt das vor, beobachtet es und erhöht es, indem er Geschichten daraus macht, ohne die die digitale Gesellschaft nichts hätte, um das sie sich digital kümmern könnte. Ohne die Geschichten der Flaneure, ohne die menschliche Wärme des menschlichen Fehlers, ohne die gepflegte Unbekümmertheit eines Betrachters, der nichts sehen will und muss aber alles sieht, was sich ihm analog, menschlich und echt anbietet. Der Flaneur macht aus diesen Beobachtungen Geschichten und diese fließen dann zurück ins Digitale, füllen zuerst Datenbanken mit Leben, dann Kanäle mit dem Blut von Geschichten und am Ende Gehirne mit Emotion. Das ist Storytelling.

Storytelling bedarf des Blickes des Flaneurs, des Stils der Flânerie, der Ziellosigkeit, um Ziele zu erreichen, die mit klaren Zielen unerreichbar sind. Flânerie liebt das menschliche Makel und macht es in letzter Konsequenz zum einzig wichtigen Qualitätsbegriff in einer Welt, die digital eine Entmenschlichung erfährt. Das ist nicht schlimm, wenn man es erkennt und der Kälte der Technokratie immer wieder die warme Schulter zeigt. Die des Flaneurs. Am intensivsten, am wärmsten ist der Flaneur, wenn er die Flânerie mit einem Menschen teilen kann. In meinem Fall ist das eine starke Flaneuse, eine Rebellin, die das Flanieren bis an jede analoge Grenze bereichert.

Kein Flaneur ist nur Flaneur. Sie alle haben eine Leidenschaft, der sie sich mit Hingabe widmen, um dem Druck des Erlebten Raum geben zu können. Ich bin Storyteller, Neuromarketer und Brander.

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Partnerin und Muse Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

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