An dieser Stelle gab es schon einen Geschichtenadventskalender mit 24 Weihnachtsgeschichten. Da konnte man täglich ein paar schokoladensüße Worte lutschen. Oder zuckrige Bilder gierig verschlingen, die hier zu lesen waren. Es gab auch schon Adventsgeschichten. Sonntägliches Labsal für das Weihnachtshirn, das alles Denken in romantisches Aspik einlegte, bis es erstarrte. Wie will man das noch steigern? Die Frage stand vor uns und versperrte uns eine Zeit lang den Weg zum Weiterdenken. Es gab ein paar Ideen. Die waren wegen zu großer Schlichtheit oder ausgeprägtem Wahnsinn aber nicht verfolgbar.

Aus der Mitte dieses Sturms drängender Gedanken stieg dann plötzlich eine Idee klar und rein in die Höhe, schwebte wie der Stern von Bethlehem über allem, die Richtung weisend. Als würde dieser Gedanke sich verhundertfachen und allen gleichzeitig gewahr werden, schauten alle Mitdenkenden auf, egal wo sie gerade waren, egal, was sie gerade machten, schauten ungläubig sich „nichts“ sagen hörend!

Wir machen nichts. Das ist die Lösung. Sie denken, die machen es sich leicht? Nichts ist die Hölle! Und wir haben sie durchlebt.

Seit Wochen bietet man uns Adventskalender für unser Facebookprofil an. Dieser grandiosen Idee mussten wir mit aller Kraft widerstehen. Sie hoffentlich auch! Sonst müssen wir dringend reden. Das Ergebnis dieser Kraftanstrengung: Wir haben keinen digitalen Adventskalender. Nichts!

Dann die unzählbaren E-Mails mit Werbepräsenten, wie man sie vorher ganz bestimmt noch nie gesehen hat, die also nicht präsent waren. Darauf nicht zu antworten, oder einfach zu sagen, ja, schicken sie mir tausend hiervon und tausend davon, stärkt den Charakter. Daran wächst man. Wir haben nichts bestellt. Deshalb kommt auch nichts. Wir sind erschöpft und doch glücklich, auch diese Herausforderung gemeistert zu haben.

Das Nichts-Martyrium geht aber weiter. Ständig erreichen uns Angebote für wirklich wunderbare Weihnachtseventlocations. Selbst von Gastronomieunternehmen, die wir schon gefühlte 24 Jahre nicht mehr besucht haben. Man erinnert sich an uns, denkt an uns , freut sich auf uns. E wird an die tollen gemeinsamen Zeiten erinnert. An kulinarische Freundschaft. Wir lesen die kulinarischen Highlights hundertfach, zittern vor Hunger und schierer Lust am nahen, emotionalen Erlebnis. Mit letzter Luft stoßen wir ein inneres „nein“ aus. Pressen es aus dem Hirn in die Hände, in die Finger, um sie über der Tastatur inne halten zu lassen. Wir antworten nicht. Wir machen nichts. Erschöpft sacken wir in solchen Momenten zusammen, taumeln, suchen und finden dann doch noch in letzter Sekunde die Orientierung und wieder Halt.

Geschwächt, kaum noch vorweihnachtliche Antikörper in uns, müssen wir noch einmal anti sein. Anti Grußkarten. Sie werden von Blinden, Gelähmten, Kindern, Druckereifachangestellten, kreativen Neffen und Nichten von Unternehmenslenkern, Praktikanten und Stardesignern gestaltet und überschwemmen unsere Schreibtische. Jede ist einzig, jede eine Gelegenheit, fast alle tun auch noch etwas Gutes für Blinde, Gelähmte, Kinder, Druckereifachangestellte, kreative Neffen und Nichten von Unternehmenslenkern und Stardesigner. Nur nicht für Praktikanten. Mehrere Helfer schleppen die Musterkarten in großen Säcken mit der Aufschrift „nein“ vor die Tür. Wir werfen uns von innen mit dem Rücken gegen das Türblatt, ziehen den Stecker des Routers, verkleben den Briefkastenschlitz und versiegeln den Spalt unter der Eingangstür mit Silikon. Kraftlos sacken wir an der Tür auf den Boden.

Wir haben es geschafft. Wir haben  nichts gemacht.

Stellen Sie sich vor, wir wären einer dieser Versuchungen erlegen. Wir hätten dann mit einem Klick oder einen Telefonat ein Modell von irgendwas durchgegeben, eine Stückzahl und wären mit dem Thema fertig gewesen. Was für eine furchtbare Oberflächlichkeit. Was für eine unfassbare Gleichgültigkeit darin steckt. Wir hätten uns geschämt. Das Fest wäre nicht mehr unseres geworden. Jetzt, wo Sie wissen, welch übermenschliche Kraftanstrengung es ist, Weihnachten nichts zu machen, werden Sie sich über die empören, die es sich leicht gemacht haben. Die, die sich nicht für Sie krumm gemacht haben, nicht für sie gelitten haben und an die Grenzen des Erträglichen gegangen sind. Die, die einfach was machen.

Ihnen und Ihren Lieben wünschen wir nichts. Das Sie nichts ereilt, was Ihre Weihnachtszeit mit Oberflächlichkeit trüben könnte. Nichts, was Ihr Jahr trüben könnte. Nichts, was Sie mit Einfallslosigkeit und Austauschbarkeit beleidigt. Genießen Sie die Faszination von „nichts“! Wir haben doch alle schon so viel.

(Es gibt Menschen, die immer nichts haben. Denen lassen wir etwas zukommen. Ganz leise, als wenn es nichts wäre und gerade dort ist es dann so viel. Frohe Weihnacht.)

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Verlobten Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

2 Comment on “Weihnachts-Präsente sind so oberflächlich!


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