Das MacBook Air unter meinen Händen bietet sich wie immer willig an, meine Gedanken aufzunehmen. Das Mac Book Air, das mir auch stolz mit der LinkedIn Website ins Gesicht leuchtet. Gut, dass Gadgets Interessenkonflikte nicht kennen. Denn ich möchte kritisch über LinkedIn schreiben. Eigentlich kritisch über mich und LinkedIn.

Lässt man sich auf LinkedIn ein, steht man einem Tsunami von Kraft, Wissen, Dynamik und Erfolg gegenüber. Das provoziert einen Reflex: Wie muss ich mich präsentieren, um dem Tsunami entgegentreten zu können und nicht unterzugehen? Ich habe den Reflex weggeatmet, mich besonnen und mich dafür entschieden, einfach nur Geschichten zu erzählen. Wenn man sich vorstellt, dass LinkedIn ein reales Treffen von vielen Menschen wäre, wird einem schnell klar, dass man das Treffen furchtbar finden würde, wenn alle nur erzählten, wie toll sie sind. Was man im Leben furchtbar findet, ist in der Digitalität auch furchtbar. Was lieben Menschen im Leben? Geschichten.

Also erzähle ich eine Geschichte. Vorher lege ich das Air noch an die Leine. Dafür liegt ein Ladekabel auf dem Sofa, auf dem ich meine Gedanken und Finger tanzen lasse. Und es strahlt wieder. LinkedIn ist ein digitales Treffen in Form einer Großveranstaltung. Die Digitalität des Treffens scheint dazu zu verleiten, sich über die Maßen über die Technik zu unterhalten, in der das Treffen stattfindet. Gefühlte 125% aller sind nicht nur digital anbitioniert, sondern sind von Digitalität durchdrungen und möchten diesem Durchdrungensein besonderen Ausdruck verleihen. Neben mir gibt das Smartphone Laut. Auf LinkedIn wurde eine meiner Kontaktanfragen angenommen. Ich öffne eine Flasche Wein, wiege das Glas im Licht, proste dem neuen Kontakt zu und lasse hunderte Geschmäcker tiefrot durch meinen Gaumen fließen. Primitivo. Klick.

LinkedIn versucht mich dazu zu verführen mich in den Tsunami zu werfen – in Fließrichtung. LinkedIn versucht mich dazu zu verführen, Digitalisto zu werden. Ich nippe nochmal am Primitivo. Nein, ich widerstehe. Ich werde nicht ergolgreicher, nicht kraftvoller und nicht digitaler werden. Ich bleibe authentisch, bin kraftlos, wenn ich es mal bin, erfolglos, wenn ich es mal bin und analog. Das Digitale wird bleiben, was es sein sollte, für alle. Nicht unser Leben. Sondern ein allfälliger Diener, der unser Leben und Arbeiten im Hintergrund erleichtert, verbessert, erfolgreicher macht. Und jetzt schaue ich mal nach Menschen bei LinkedIn, die meine Meinung teilen. Klick, klick, klick…

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Partnerin Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

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