Die Probleme des stationären Einzelhandels bedrücken mich beruflich und privat. Die Verzweiflung in vielen Branchen ist groß. Unternehmen sterben, Städte sterben, Kultur stirbt. Probleme kann man nicht lösen, indem man sich mit immer gleichen Mitteln auf immer gleiche Art mit ihnen auseinandersetzt. Manchmal muss man einen Knopf mehr aufmachen, neue Räume und neue Impulse suchen, neue Wege gehen. Und plötzlich eröffnen sich Sichtweisen und Lösungen, die man vorher nicht hat sehen können. Das habe ich getan, bin neue Wege gegangen und mit Tante und Onkel Emma zurück gekommen. (Foto: Carmen Bußmann)

 

Der Handel steht im Lichtkegel des hellen Lichts des Internets und der großen Internetshops und steht seinem Untergang mit angstvoll geweiteten Augen regungslos entgegen. Okay, es gibt ein paar, die nicht stehen, sondern gehen. Sie gehen mit dem Lichtkegel werden sichtbar digitaler. Das gibt für den Moment das Gefühl von Bewegung, führt aber auch in den Untergang. Nur etwas später.

Es war und ist der stationäre Handel, auf den alle aufsetzten, die über das Internet verkaufen und verkaufen wollen. Dann haben sich die digitalen Händler auf ihre Besonderheiten besonnen und diese konsequent zum Abgrenzungsmerkmal gemacht. Damit wurde man auf eine Weise besser als der stationäre Handel, die diese nicht kopieren konnten. Gar nicht oder zumindest nicht in angemessenen Zeit- und Kostenrahmen. Manchmal war es auch Überheblichkeit und Ignoranz gegenüber dem neuen Medium und seinen Möglichkeiten, die die gute alte Handelsbranche unbewegbar gemacht hat.

Jetzt suchen und sehen alle analogen Händler das Heil in einer größeren Digitalität des gesamten Geschäfts. Das bedeutet, sie werden mehr und mehr so, wie die digitalen Konkurrenten. Der Abstand zwischen analogem und digitalem Handel wird dadurch immer kleiner und jeder Grund, analog zu kaufen, schwindet für die Kunden. Denn die vermissen im Internet eines ganze sicher – das Analoge, das allenthalben aufgegeben wird.

Nur ein Beispiel: Der stationäre Handel versagt den Kunden die Möglichkeit, die gekaufte Ware tragen zu können – kostenlos tragen zu können. Man wird jetzt dafür bestraft, dass man analog einkauft, indem man sagt, bringen Sie bitte Ihre eigene Tasche mit, von uns bekommen Sie keine mehr. Ach natürlich, Sie können die Verpackung kaufen, die Sie benötigen, um bei uns kaufen zu können. Im Internet kauft man, trägt nicht selber, muss gar nichts mitbringen, sondern bekommt sogar noch möglichst schöne, fast immer möglichst sichere, damit aufwendige Verpackung – in der Regel umsonst. Das Problem sind nicht die 10 Cent, die eine Tüte im stationären Handel kostet. Es ist die Geste, die Psychologie dahinter, die katastrophale Wirkung zeigt. Und womöglich bilden sich die Tragetaschenverkäufer dann ein, sie hätten eine gute Beziehung aufgebaut, die sie nach dem Kauf dann noch digital vertiefen können. Multichannelmäßig.

Ich könnte hier Beispiel an Beispiel reihen und am Ende würde völlige Hoffnungslosigkeit die Angst der Händler ersetzen. Es gibt aber Grund für Hoffnung und mehr. Für die Gewissheit, das stationärer Handel erfolgreich sein kann, wenn dieser sich nicht nur auf alte Stärken besinnt, sondern diese überhöht auslebt, neue Standards für den Handel mit Produkten setzt. Standards, die über das Internet nicht geboten werden können.

Mit einer neuen Sicht auf das Problem des stationären Handels entstehen aber nicht nur neue Chancen für den Handel, sondern auch neue Chancen für Hersteller und Marken. Die größten Chancen, sogar Erfolgssicherheit, garantiert die Zusammenarbeit von Herstellern, Marken und stationären Händlern. Sie denken, dass gibt es schon? Ja, aber auch hier wird eher der Misserfolg manifestiert, als dass er abgewendet wird. Denn wer stützt sich schon gerne auf einen Partner, der als schwach und zukunftslos gilt?

Tante Emma galt lange als Inbegriff für Zukunftslosigkeit im stationären Handel. Wenn Tante und Onkel Emma sich verbünden, ihre Stärken pflegen, neue entwickeln, wird daraus eine furiose Zukunft für den stationären Handel. Gebettet in notwendige und wünschenswerte Digitalität.

Hier noch ein Beispiel, um zu verstehen, was da gerade passiert. Lange wurden Gewerbeimmobilien nur verkauft, wenn man deren Digitalisierung via dicker Technikleisten in allen Räumen sehen konnte. Man war stolz auf die Technik und deren Sichtbarkeit war in höchstem Maße ergebnisrelevant für die Vermietung. Das kippte plötzlich. Technik musste unsichtbar werden, nur existieren und ein extrem gutes, analoges Leben in den Immobilien nur noch digital unterstützen. Jede Immobilie mit sichtbaren Technikleisten war plötzlich unvermietbar. Stationärer Handel, der mit „Technikleisten“ prahlt, schickt Kunden ins Internet. Das Digitale muss unsichtbar werden und das analoge, das menschliche Erleben, auf ein neues Niveau gehoben werden.

Ich freue mich, mich mit Ihnen über Ihren grandiosen Erfolg im stationären Handel – in der Zukunft – unterhalten zu können. Egal, ob Sie selbst Einzelhändler oder als Brand von diesen massiv abhängig sind.

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Verlobten Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.