achtsame Baumuamarmung
 

Wenn wir das eine machen, denken wir schon an das nächste. Im besten Fall. Im schlechtesten schon an das überübernächste. Getrieben werden wir von Wünschen, Zwängen, Lüsten, Versuchungen, die uns eigen sind oder uns als eigen vorgegaukelt werden. Beschleunigt wird diese Entwicklung durch die permanente Angst, nicht genug Zeit zu haben, alles der Reihe nach erledigen zu können.

Wären wir achtsam mit uns, unserem Geist und unserem Körper, würden wir merken, dass unser Gehirn es lieben würde, sich den Dingen nacheinander hinzugeben. Körperlich irgendwo zu sein und mit den Gedanken und Sinnen anwesend zu sein, erscheint dem einen als Luxus, dem anderen als unmöglich. Was, wenn genau in diesem Treiben und Getriebensein jemand sagt – halt inne, besinne Dich, sei da, verpasse jetzt nichts, gib Dich hin. Nicht reißend oder drückend, nicht zerrend und drängend, sondern völlig frei jeden Druckes. Wenn das eine Marke wäre?

Nein, diese Marke darf nicht wollen, dass man nur noch an diese Marke denkt.
Denn dann würde sie verlangen, dass wir uns auf nichts mehr konzentrieren. Sie würde uns die Achtsamkeit für alles andere nehmen. Das hört sich nicht nur unschön an, sondern ist es auch. Aber wie passt das zusammen? Attraktion erzeugen und gleichzeitig achtsam sein und den Empfänger von Werbung nicht gegen die Natur – denn das Hirn mag es auch nicht, ständig irritiert zu werden – und gegen das persönliche Wohlbefinden zu beanspruchen.

Wenn alle bemüht sind, genau im richtigen Moment relevant zu sein und diese Bemühungen zu Kommunikation führt, die uns keinen Deut mehr wert ist, sondern uns nur noch mehr abstößt, weil sie nie wirklich genau zur richtigen Zeit kommt und die wirklich wichtigen Inhalte transportiert, muss man als Werbetreibender den Mut haben, das Gegenteil zu tun. Jetzt werden die Tabellenmarketeers sofort das Wort Konvergenz in den Raum schreien. Aber sind wir doch mal ehrlich, wo befinden sich denn die Konvergenzwerte für Kommunikation? Auf einem so niedrigen Niveau, dass eine Optimierung in den seltensten Fällen wirkliche beachtenswerte Ergebnisse erzielt. Also kann eine Verschlechterung auch nicht das sofortige Ende eines Unternehmens bedeuten. So viel Mut ist demnach gar nicht nötig, um mutig einen anderen Weg zu gehen. Den Weg der Achtsamkeit.

Kommunikation soll doch ein Gespräch sein, in dem sich alle Beteiligten achtsam begegnen.
Und nicht einer immer dazwischen schreit, wenn er denkt, es wäre der richtige Zeitpunkt, genau jetzt einen ganz bestimmten Satz in das Gespräch zu drücken. Wie lange würden wir einen solchen Gesprächspartner dulden? Privat und beruflich hätte er keine Chance, bei den nächsten Gesprächen wieder eingeladen zu werden. Und wenn er dennoch käme, säße er abseits und sein impertinentes Reinrufen würde von allen anderen Gesprächspartnern ziemlich rigoros ignoriert bis unterbunden. Aber genau so gebären sich Werbetreibende heute. Hat man sich das einmal verdeutlicht, kann man nur angewidert sein.

Wie sieht die Alternative aus?
Die anderen schreien lassen und im Moment der Ruhe, wenn alle denken, jetzt ist der Zeitpunkt absolut schlecht und niemand interessiert sich für ein bestimmtes Thema, genau dieses bringen. Nicht mit jetzt, hier, sofort und allen anderen drängenden Worten.

Oder nicht mit einem vermeintlich erwarteten Thema, sondern mit einem gänzlich unerwarteten kommunizieren. Was nicht bedeutet, dass es völlig ohne Zusammenhang sein muss. Was, wenn ein Spot uns die Zeit gibt, das Ende eines Films erstmal noch ein paar Sekunden wirken zu lassen, bevor wir beworben und bedrängt werden. Was, wenn wir im Internet gesagt bekämen, genieße erst, was Du gerade machst und wenn Du später Lust hast, schau mal rein. Was, wenn wir einen Brief bekommen und er uns signalisiert, lass mich liegen bis Du Zeit und Lust hast, mich zu lesen. Ich bin dann noch da und freue mich auf Dich.

Was, wenn Werbetreibende wieder Zeit geben, statt Zeit zu nehmen?
Denn jeder weiß um den Wert von Zeit bei den Menschen und will diese dennoch um jeden Preis sofort haben. Klar, dass der Preis explodiert. Fragt man die Beworbenen, was ihnen im Leben am meisten fehlt, dann belegt die Zeit immer die allerersten Plätze. Also ist jeder, der Zeit nimmt, ein Lebensfeind. Wer Zeit gibt, ist Lebensfreund. Warum also nicht die Achtsamkeit walten lassen, Zeit geben und Lebensfreunde schaffen. Lebens – genau, nicht für den Moment, sondern für alle anderen, die noch kommen. Überlassen wir doch den einen Moment dafür den anderen.

Sie müssen jetzt nicht darüber nachdenken. Der Zeitpunkt kommt. Wenn nicht heute, dann morgen oder übermorgen. Und wenn er gar nicht kommt, ist es auch nicht schlimm.

(Foto: Carmen Bußmann)

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Verlobten Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

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