Eine Bauchentscheidung hört sich so gemütlich an. Bauchentscheidungen sind aber alles andere als gemütlich. Bauchentscheidungen sind die hohe Kunst – die höchste Kunst – des Entscheidens. Das diese Entscheidungen wirklich im Bauch stattfinden, ist Volksmund. Sie finden im Gehirn statt. Bauchentscheidungen im Gehirn? Aber es gibt doch wirklich Nervenzellen im Bauch. Klar, die entscheiden aber nur über die Windungen des Darms. Damit sind die ausgelastet.

Bauchentscheidungen sind faszinierende Vorgänge im Gehirn. Was macht sie so faszinierend? Bauchentscheidungen sind Informationsverarbeitungen, die mit einer Geschwindigkeit von bis zu 15.000.000 bit pro Sekunde ablaufen und dabei auf das relevante Wissen aus 100 Milliarden Nervenzellen zugreifen. Das passiert unbewusst. Wollten wir eine solche Entscheidung bewusst fällen, bräuchten wir 500.000 mal so lange. Denn das Gehirn ist bei bewusstem Denken mit gemütlichen 30 bit getaktet. Eine einzige Bauchentscheidung „nachzudenken“, die eine lange Sekunde gebraucht hat, dauert dann knappe 6 Tage. Wenn man nonstop durchdenken würde. Also auch nur ein theoretischer Wert, der in der Praxis noch viel größer wäre. Wenn jemand vor Ihnen steht und sagt, ich entscheide das jetzt aus dem Bauch, dann tobt dessen Gehirn. Dann fällt der gerade eine absolute Hochleistungsentscheidung, weit entfernt von jeglicher Plauzenromantik.

Wie gut sind Bauchentscheidungen?

Das hängt von der Komplexität der zu treffenden Entscheidung ab. Je k0mplexer die Entscheidung, desto sicherer das Ergebnis. Das wurde in zahlreichen Arbeiten nachgewiesen, die im Science Journal veröffentlicht wurden. Ein Beispiel aus 2006: In einem Fall wurden 4 einfache Faktoren von 4 Autos vorgegeben, ohne sie sehen zu können. In einem zweiten Fall jeweils 12 Faktoren zu vier Autos. Das beste Auto sollte erkannt werden und eines war immer relativ leicht als das beste Auto erkennbar. In der Gruppe, die nachdenken sollte und konnte, war die Richtigkeit der Antwort bei wenig komplexen Vorgaben sehr viel größer, als bei denen, die zu Bauchentscheidungen gedrungen, also am Nachdenken gehindert wurden. Bei den k0mplexeren Informationen waren die Bauchentscheider 40% besser im Erkennen des besten Autos. Dieser Effekt konnte in zahlreichen Versuchen bestätigt werden.

Bauchentscheidungen sind also dann sehr viel besser, wenn die Entscheidungen von großer Komplexität sind. Wenn Sie Shampoo kaufen, das hat im Schnitt 1,9 Bewertungskriterien für den Kauf, denken Sie bitte nach. Es lohnt sich, denn die Entscheidungen sind besser. Buchen Sie ein Hotelzimmer oder kaufen Sie eine Kamera, vertrauen Sie ihren Bauchentscheidungen. Aus dem Bauch zu entscheiden, bedeutet nicht, sich nicht informiert zu haben. Im Gegenteil. Einer Bauchentscheidung geht voraus, dass man dem Hirn viel Wissen gegeben hat. Im Moment der Entscheidung verzichtet man nur auf das Nachdenken sondern verlässt sich auf die Schnelligkeit und das Umfassende unbewussten Denkens. Oder möchten Sie 6 Tage im Fotofachgeschäft verbringen, bis Sie die Entscheidungsqualität der Bauchenstcheidung auch nur annähernd mit bewusstem Denken erreicht haben?

Alles andere als naiv!

Menschen, die sich auf ihr Bauchgefühl verlassen, werden oft als naiv abgestempelt. Der große Nachdenker fühlt sich über ihn erhaben. Mit dem Wissen um die Vorgänge im Hin, die wir Bauchentscheidung nennen, ist der Bauchentscheider der deutlich sicherere Entscheider. Und das ganz besonders da, wo der, der die bewusste Entscheidung als seine Paradedisziplin sieht, sich als besonders gut empfindet. Bei komplexen Entscheidungen. Viele Manager bestätigen, wenn man ihre Meinung anonymisiert, dass sie viele Entscheidungen aus dem Bauch fällen (Science Journal). Stellen Sie sich vor, der Vorstand eines Autokonzerns sagte, er habe die Entwicklung eines neuen Modells aus dem Bauch heraus entschieden. Man würde über ihn belächeln. Dabei ist er der eigentliche Held, weil er den besten Weg wählt, um die beste Entscheidung zu fällen.

Sie können bei einem zu dicken Plauz nicht darauf verweisen, Sie bräuchten ihn für gute Bauchentscheidungen. Wenn Sie ihre Bauchentscheidungen zulassen und optimieren möchten, sollten Sie im richtigen Moment nicht nachdenken, sondern nachdenken lassen. Von Ihrem „Bauch im Kopf“!

(„Hirn am Montag“ ist eine Kolumne von Jörg Kremer rund um das Wissen über die besonderen Fähigkeiten, Grenzen und Möglichkeiten des Gehirns und die Auswirkungen auf das Leben, das Marketing und die Kommunikation. Die Inhalte der Kolumne sind thematische Bestandteile der Vorträge, die Jörg Kremer zum Thema Neuromarketing und dem von ihm entwickelten Neuromarketing-Konzept „biolog first – Erfolg ist menschlich“ hält.)

 

 

 

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing, als Storyteller und Brander mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute im Ruhrgebiet.

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