Dr. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer SE hat einen offnen Brief an Eric Schmidt, Executive Chairman von Google,  geschrieben, der in der FAZ veröffentlicht wurde. Er hat seiner Angst vor Google langatmig Ausdruck verliehen. Es wird sicher hunderte Erwiderungen auf diesen Brief geben, die meisten nicht auf, sondern gegen. Die von Thomas Knüwer und Jeff Jarvis möchte ich hier erwähnen, weil sie auch so herrlich tief in alle Themen weiterlinken, die Döpfner ängstlich streift.

Was kann der Kremer zu dieser Diskussion beitragen, was andere nicht viel besser könnten? “biology first!
Der Kremer könnte den Fokus verschieben. Die Angst, Döpfner schildert ja nur eine von vielen Formen der Angst vor Google, entsteht da, wo wir dem, was Google macht, die höchste Priorität einräumen. Wie wirken denn die Unternehmen und Angebote, die sich sklavisch an den Parametern orientieren, die Google setzt? Sie wirken krampfhaft. Sie wirken zumeist wenig inspiriert und viel zu konstruiert. Karikiert werden solche Angebote von Inhalten, die zum Beispiel von einem Schüler ins Netz gestellt werden und in wenigen Stunden so viel Aufmerksamkeit bekommen, wie sie hunderte Mitarbeiter im devoten Einklang mit Google nicht erzwingen können. Wann immer das passiert, steht nicht ein Algorithmus im Fokus, sondern das allzu Menschliche des Menschen. Seine gar nicht intellektuelle Art mit seinem Hirn auf die schlichten Signale zu hören, die eher aus der Höhle klingen, als aus den Vorträgen von SEO-Spezialisten.

Nein, ich bin kein Feind des Digitalen, sicher kein Feind des Internet und auch nicht von Google. Eher ein euphorischer Nutzer seit der ersten Stunde. Beruflich und privat. Was ich bin, ist ein Freund des Menschlichen und Bewunderer des Menschen und seiner Fähigkeiten, also seines Gehirns. Als dieser beobachte ich, dass Google Algorithmen beherrscht, mit dem allzu Menschlichen aber holprig umgeht. Google+ ist technisch sicher extrem gut, aber es berührt nicht. Glass ist technisch perfekt, aber sie berührt nicht wirklich. Es gibt sogar einen Friedhof der Google Dienste, die eingestellt wurden: Da liegen Google Wave, Google Video, Google Notizbuch und viele andere. Auffällig, es sterben immer die, die sich direkt an den Menschen wenden und den Menschen in seinem Menschsein besonders gut verstehen müssten. Sicher gibt es auch andere Kriterien, aber wenige, die so durchgängig sind.

Wenn man Google nicht noch größer machen möchte, nicht noch mächtiger und sich einen größeren Freiheitsgrad jenseits des Google-Einflusses erarbeiten möchte, muss man da besonders gut sein, wo Google scheinbar am schlechtesten ist. Beim Menschlichen jenseits digitaler Zugriffsmöglichkeiten. Genau genommen im Wissen um die Nutzung seines Gehirns. Und da der Strukturen, die am ursprünglichsten sind, nicht digital reagieren, nicht analog, sondern auch heute noch fast unbeobachtbar sind.

Google kann Millionen Menschen in der Digitalität beobachten und dort Milliarden Informationen sammeln. Es bleibt immer der Mensch im digitalen Leben und um diese Digitalität schon mächtig verbogen.

Döpfner formuliert folgenden Gedanken zum Ende seines Briefes an Schmidt:
“Google durchsucht mehr als eine halbe Milliarde Internetadressen. Google weiß über jeden digital aktiven Bürger mehr, als sich George Orwell in seinen kühnsten Visionen in „1984“ je vorzustellen wagte. Google sitzt auf dem gesamten gegenwärtigen Datenschatz der Menschheit wie der Riese Fafner im „Ring des Nibelungen“: „Hier lieg’ ich und besitz’.“ Ich hoffe, Sie sind sich der besonderen Verantwortung Ihres Unternehmens bewusst. Wenn der Treibstoff des 20.Jahrhunderts fossile Brennstoffe waren, dann sind Daten und Nutzerprofile ganz sicher der des 21.Jahrhunderts. Man muss sich fragen, ob Wettbewerb im digitalen Zeitalter generell noch funktionieren kann, wenn Daten so umfangreich in der Hand einer Partei konzentriert sind.”

Google wird sich nicht freiwillig beschränken. Man kann ein Geschäftsmodell, das im Wesentlichen die Wünsche der Menschen abbildet, nur schwer als grundsätzlich schlecht darstellen. Man kann auch nicht mal eben eine Alternative aufbauen. Man kann aber den Blick ohne digitalen Umweg, ohne Algorithmen, direkt auf den Mensch und sein Hirn richten und dort die Lösung suchen, Google unwichtiger zu machen. Nähme man alle Investitionen, die Unternehmen weltweit darauf verwenden, Google zu verstehen, zu bedienen und auszutricksen, das Hirn zu verstehen, wäre Google kurz darauf überflüssig. Okay, ganz so leicht ist es nicht. Aber auch nicht viel schwerer.

Der Kremer nennt das biology first! Entstanden ist biology first nicht als Konzept für Verlage gegen Google. Wenn man es großdenkt, könnte biology first aber genau das auch sein. Die Digitalität, sei sie noch so mächtig, besonders in wenigen Händen konzentriert, ist nichts gegen nur ein einziges menschliches Gehirn. Nutzen sie es doch Herr Dr. Döpfner. Biology rueles – biology first!

Jörg Kremer, Werber, Neuromarketer und Entwickler von `biology first´: “Hirnforscher schauen dem Menschen heute beim Denken, Sehen und Fühlen zu. Sie lernen wann, warum und in welcher Intensität Kommunikation im Gehirn ein Neuronenfeuerwerk zündet. Neuromarketing nutzt dieses Wissen. Es geht darum, auf direktem Weg den besten Platz im Gehirn eines potentiellen Kunden zu erreichen. So arbeitet auch `biology first´- und geht noch einen Schritt weiter: Die mit `biology first´ geführten Marken und Produkte müssen nicht länger nach der richtigen Zielgruppe suchen, sondern werden von ihr gefunden.”

2 Comments on “David, Goliath, Stein: Döpfner, Schmidt, Kremer

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