Da sitze ich über den Medien, nippe am zuckrigen Schaum meiner Latte Macchiato und an der Bitternis des Weltgeschehens, lese, wie schon seit Wochen, Monaten und nunmehr fast Jahren, dass der Stil im Internet, und da ganz besonders in den sozialen Medien, immer mehr verrohe.

Die dort kommunizierenden Menschen verlören jede Scham und wären mittlerweile jedem Anstand fern. Das wilde Tier Mensch lebe sich dort aus und alle leideten unter diesem Kulturverlust. Schreiben die Medien. Leidend. Denn sie können sich dieses Tsunamis der Unanständigkeit auch in den eigenen Sozialkanälen fast nicht mehr erwehren. Vor dieser Scheinheiligkeit sträubt sich mir das Nackenhaar. Und das soll was heißen bei ca. 20 cm Länge.

Wer den sozialen Medien über die Jahre Aufmerksamkeit geschenkt hat, der weiß, dass es die klassischen Medien sind, die mit ihren digitalen Ablegern auf unerträgliche Weise Klicks erheischen wollen, Aufmerksamkeit, die sie an anderen Stellen dramatisch verloren haben. Da ist keine Überschrift zu reißerisch, da ist kein Gedanke perfide genug, da wird alles in Worte gefasst, was die Betrachter auch nur im Entferntesten aus der Fassung und damit zur Reaktion treiben könnte. Nein, das machen nicht nur die radikalen Medien am Rande der Meinungs- und Deutungsskala. Das ist mittlerweile akzeptierter und kultivierter Stil fast aller.

Gute Nachrichten haben in der Welt der professionellen Klickhäscher, Klicknutten und Klickwegelagerer gar keine Chance mehr. Die fallen ganz hinten runter. Und wenn es etwas zu berichten gibt, das auch nur das kleinste Dramapotenzial hat, wird dieses so extrem formuliert, dass es extrem ist, Extreme es gut finden und den letzten Gutmütigen extremisieren. Welche Reaktion kann man bei derartiger Informationsaufbereitung von denen erwarten, die man mit allen  Mitteln versucht zu empören? Man muss mit extremen Reaktionen rechnen. Man kann sich derer sogar sehr sicher sein.

Ist die Diskussion dann entglitten, ist eine Beschwerde, der Bürger wäre kulturell so verroht und zu keiner normalen Diskussion mehr fähig, heuchlerisch. Wer seine Leser über Jahre hinweg behandelt, als würden sie nicht mehr auf den schwachen Strom einer kultivierten Nachricht zucken und diese nur mit Nachrichten mit Starkstrom versorgt, ist nicht nur aktiver Teil der Diskussion, deren Stil dann beweint wird, sondern die Energie, die diese Diskussionskultur beständig auflädt.

Die Latte Macchiato ist leer, die Nachrichten sind konsumiert. Jetzt brauche ich wieder ein gerüttet Maß an  Zeit, um mein Weltbild zu entradikalisieren, mich auf ein kulturell normales Maß der Sicht, des Denkens und Diskutierens zu reduzieren, um weiterhin empathisch, achtsam und intellektuell reagieren zu können. Klar, dass nicht jeder diesen Aufwand betreiben kann oder betreiben möchte.

Jetzt könnte man ja sagen, nicht die Medien sind Schuld an der Entwicklung, sondern die Konsumenten, die nur auf derartig aggressiv aufbereitete Nachrichten reagieren. Das ist ein berechtigter Gedanke. Eigenverantwortung ist gefragt. Also raus mit allen Nachrichtenanbietern aus den eigenen sozialmedialen Timelines, die versuchen, uns mit roher Gewalt zu verrohen, um uns dann entsetzt verroht zu nennen.

 

Jörg Kremer ist Werber, Neuromarketer und Entwickler des Neuromarketingskonzepts biology first. Er startete früh mit einer Agentur für Corporate Design, entwickelte sich konsequent zum Corporate Advertiser, für den schon in den frühen Anfängen das Internet fest zur Kommunikation dazugehörte. Das alles bündelte er in einer Full Service Agentur. Zur Jahrtausendwende widmete sich Kremer dem neu entstehende Wissen in der Hirnforschung und der Evolutionspsychologie und entwickelte das Neuromarketingkonzept biology first. Heute gilt er unter dem Label Kremer und Konsorten als Spezialist für Neuromarketing mit einzigartig umfangreichem Umsetzungswissen in vielen Branchen und nahezu jeder Anwendungssituation. Kremer hat vier Kinder und lebt heute mit seiner Lebenspartnerin Carmen Bußmann im Ruhrgebiet.

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