Jetzt die Tagesschau und dann direkt der 3. Tag der Konsorten-Klassiktage der Kommunikation. Heute empfehlen wir ein etwas offizielleres Outfit und einen schweren, roten Wein zur Primetime bei Kremer und Konsorten.
facebook, xing und twitter waren die Plattformen, auf denen wir Statements zum Thema ”Konsorten-Klassiktage der Kommunikation” gesammelt haben. Nach den Statements von Ines Arntz und Markus Walter, ist es heute das Statement von Claudia Boss, mit dem wir uns in das Thema stürzen möchten.
“Könnte jetzt über die sinnliche Erfahrung berichten, über den lackgestrichenen Umschlag des neu produzierten Kataloges zu streicheln. Über das immer wieder faszinierende Erlebnis in der Druckerei vor der Maschine zu stehen und 100tausendfach die eigenen Ideen an sich vorbeifliegen zu sehen. Merkt man, dass ich mit Leib und Seele Versandhandels-Marketer bin?!
Doch genug der Schwärmerei über greifbare Werbung! Für uns gilt: Katalog, Mailing etc. sorgen für BedarfsWECKung – das Web für BedarfsDECKung. Eine äußerst geniale Verbindung! Weg von großen dicken Wälzern, hin zu kleinen schnellen Mailings. Und: Für alle Budgetgeplagten – man spart immense Portokosten. Freie Budgets, die man dann digitalisieren kann, aber nicht muss…”
Kurz: Digital ist praktisch, analog ist sinnlich. Aber es gibt eine friedliche, gar produktive Koexistenz. Und beide Welten machen den JOb, den sie am besten können. Oder ist das auch ein Generationsfrage? Werden wir in Zukunft ähnlich sinnlich empfinden, wenn wir nur noch digital kommunizieren? Betrachtet man die Generation nach uns, scheint sich das Blatt, chlorfrei gebleicht natürlich, vollends Richtung 1 und 0 zu wenden. In den Augen meiner Töchter scheint eine Form von Sinnlichkeit zu blitzen, wenn iPhone, MacBook und alle üblichen Verdächtigen ADressen darauf erreichbar und bedienbar sind. Gut, das iPHone kann man streicheln, wenn man es bedient. Ein Erklärungsansatz, nicht mehr.
Unsere Generation (Rand-Babyboomer) bekommt, nach langer Erarbeitungszeit, heute den aktuellen Katalog von Hermes zugeschickt, riecht daran, fühlt die Seiten, ergötzt sich an der Aufmachung und den wirklich überraschend kreativen Inszenierungen. Die Sinnlichkeit kann man am Lächeln messen, das uns für Stunden zeichnet.
Inspiriert durch die Kampagne der Handwerker Deutschlands, die ausnahmsweise mal in die Nähe des Wortes gefällt kommt, haben wir uns vorgestellt, alle analoge Werbung oberhalb und unterhalb des Werbeäquators sei weg! Zack!
In den Regalen und auf dem Schreibtisch fehlten die Beispiele herausragender Analogkommunikation, die zur Ästhetisierung des Rundblicks wesentlich beitragen. Auf der Straße fallen Wände und Mauern auf, die über zig Meter grau sind. Im besten Fall. Gerne auch schlicht dreckig. Hat uns von dort nicht gestern noch eine junge, schöne Frau angelächelt? Konnten wir daneben nicht einen Traum in Erfüllung sehen, der jetzt unerfüllt bleiben wird? Später stehen junge Frauen an unbeleuchteten Haltestellen, fürchten sich. Das Mobiltelefon in der Tasche macht sie sicherer, aber den Moment nicht schön! Im Kino beginnt direkt der Hauptfilm und man merkt, dass Werbung auch Kunst war. Am nächsten Tag sind 50% aller Museen geschlossen. Das fehlende, analoge Werbegeld hat die sonst weiten Flügeltüren geschlossen. Die Kinder kommen nach Hause, weil der Sportverein schließen musste. Es gäbe kaum Zeitschriften mehr, die einen von der Toilette, über Frühstückstisch, Buss, Bahn, Flugzeug und über das Sofa bis zum Bett begleiten könnten, dies alles bunter und ästhetischer zu gestalten. Die es gäbe, wären unendlich teuer oder unsäglich langweilig. Wer würde unsere TRäume bebildern, wer die Sehnsüchte für das Gemeinwissen formulieren? Wer würde sich der Zustände bedienen, sie benutzen, um sie uns vor Augen zu halten. In den ästhetischen Bildern der analogen Werbung?
Das alles gäbe es nur digital und würde nur unsere Hosen-, Jacken-, Manteltaschen, Hand- und Reisetaschen innen schöner machen. Dort, wo das Smartphone der Zukunft sein Zuhause hat. Digitale Werbung schafft eher innere Werte. Intime, die man an- und ausschalten kann.
Oder steht hier bei uns an der Grafenberger Allee demnächst ein Beamer, der Werbung auf das Haus presst, auf weiße Wolken, die zu Leinwänden der Wünsche werden, auf die vorbeifahrenden, unbedruckten Straßenbahnen und auf uns? Hängen wir Displays an die Wände und lassen uns mit “google home Ads” die Wohnung ästhetisieren? Irgendjemand registriert alles von uns und lässt überall wo wir sind, die Bedürfnisse befriedigen. Auf der Wand, der Straßenbahn und der Wolke über uns! Fragen Sie nicht nach der Technik. Geht alles und auch schon jetzt.
Man bekommt dann auswechselbare Oberflächen für die Displays. Haptisch und olfaktorisch variierend. Hallo Schatz, schaumal, unsere Wohnzimmerwand ist jetzt ganz rauh und duftet nach Bruchstein. Nein, wie romantisch Schatz. Und dann taucht eine Werbung für Fetischartikel auf dem Display auf. Eine Frau mit Handschellen an eine Bruchsteinmauer gefesselt. Langsam weicht die Angst vor der digitalen Werbewelt auch bei Ihnen? Wir haben uns das gedacht. War das Thema doch immer schon der Treiber für neue Kommunikationsformen. Hätten wir nicht Kriege und Sex, hätten wir nicht das Internet von heute.
Zurück zum Lack des Umschlages vom Katalog von Claudia Boss, den sie so gerne zu streicheln und zu riechen scheint. So wie sie das eine und das andere liebt und schätzt, das Digitale und das Analoge, schätzen auch wir es. Wir sollten nicht weiter zwei Lager pflegen, die Kommunikation wieder an Spezialisten aufteilen, um irgendwann zu erkennen, dass nur das Zusammenleben, kreativ und intelligent, der beiden Kommunikationswelten, der Weisheit letzter Schluss sein wird.
Schluss mit der Diskussion um die Pole und den Äquator der Kommunikation. Morgen widmen wir uns der “alten” Werbung und dem Phänomen der Erinnerung und Verinnerlichung dieser künstlich geschaffenen Welten, um uns am Freitag im Schlussbeitrag der “Konsorten-Klassiktage der Kommunikation” der völlig freien Assoziation hinzugeben. Final, fanal und fidel.
Gute Nacht!
Heute mit einer sensationellen SpaceNight von 1997.

