Weltexklusiv: Konsorte interviewt Amygdala

Wir treffen uns in meinem Kopf. Amygdala, eine weise, ältere Dame, nicht zu alt, ist schon da. Sie hat es sich in einem zarten, braunen Kleid gemütlich gemacht. Wir sitzen fast in der Mitte des Kopfes und räkeln uns stilvoll im kreisrunden Ambiente. Im Raum schwebt ein leichter Mandelduft, der irgendwo zwischen Arsen und Spitzenhäubchen und Marzipan liegt. Amygdala macht einen entspannten Eindruck. Kein Wunder, ist sie es doch gewohnt, sich emotionalen Situationen souverän zu stellen und in diesen sicher und unbeirrt zu agieren. Ihr Alter, ihre Erfahrung und ihr Umgang mit den ganz großen Emotionen dieser Welt lassen sie sehr souverän erscheinen. Sie bietet mir spontan das Du an.

Kremer: Warum tust Du Dir das nach all den Jahren immer noch an, den unzähligen Emotionen Wegweiserin zu sein, die diesen Raum wie eine nie endende Flutwelle strürmen?

Amygdala: Es war nur einmal anstrengend, als ich mich und meinen Weg habe finden müssen, die Eindrücke zu erkennen und richtig abzulegen. Das ist irgendwann drin und dann kostet es kaum noch Kraft. Das Gute ist, ich muss das System nie wieder ändern. Man könnte denken, es sei eintönig. Ist es aber nicht. Denn was da so reinkommt, an zu Ordnendem, ist von einer Breite, Tiefe und Intensität, die Hollywood als Gefühlslieferant aussehen lässt wie einen kleinen Gefühls-Ramschladen.

Kremer: Bedeutet das, dass Du mit dem einmal Erlernten Dein gesamtes Dasein hast auskommen können?

Amygdala: In meiner Position lernt man nicht. Ich bin geprägt und gebe diese Prägung mit höchster Zuverlässigkeit weiter. Du kannst Dir absolut sicher sein, dass ich nicht Durch neues Wissen unzuverlässig werde, in dem Sinne, dass ich nicht verlässlich, nicht berechenbar reagiere. Das gilt nicht nur für mich hier. Jede meiner Kolleginnen ist von dieser Zuverlässigkeit geprägt. Das hat uns in den letzten Jahren auch viel Anerkennung gebracht. Die Zuverlässigkeit unserer Arbeit macht uns interessant und auch ein bisschen sexy.

Kremer: Worin liegt denn diese Sexyness?

Amygdala: In einer sich schnell drehenden Welt, ich kann das bestens beurteilen, weil mich alle Eindrücke immer zuerst und ungefiltert erreichen, hat der Mensch nach Konstanten gesucht, an denen er sich ausrichten kann. Er hat sie in uns gefunden.

Kremer: Wer hat denn genau gesucht?

Amygdala: Zuerst waren es Wissenschaftler. Nette Jungs und Mädels, aber die Beziehungen zu denen waren eher intellektuell. In der letzten Zeit habe ich es häufiger mit Marketeers und Werbern zu tun. Die betrachten mich ja ganz anders. Hier gibt es mittlerweile gute Freundschaften. Der Umgang mit diesen ist von hoher ästhetischer Qualität und großem Respekt geprägt.

Kremer: Respekt?

Amygdala: Sie schätzen meine Fähigkeiten sehr. Haben auch erkannt, dass man mit mir keine krummen Geschäfte machen kann. Ihr, Du bist doch auch so einer (Anm. d. Red.: Amygdala schüttet sich aus vor Lachen.), diskutiert nicht mehr nur mit mir, sondern nehmt mich ernst, respektiert meine Art und geht damit professionell um. Ich schätze das sehr. Der Respekt beruht auf Gegenseitigkeit.

Kremer: Und Du bist Dir sicher, dass wir mit Dir nicht auch mal einen Deal machen können? Du bist Dir auch sicher, dass wir Werber Dich nicht umgehen oder manipulieren können?

Amygdala: Absolut. Wer mich nicht nimmt, wie ich bin, der hat keine Chance. Wenn es eine Institution gibt, auf die man sich hier verlassen kann, dann bin ich das. Es ist amüsant, wie verschiedene Menschen und Berufsgruppen versuchen, mich mit abenteuerlichen Aktivitäten zu umgehen, wie man versucht, meine Existenz zu leugnen, meine tadellose Funktion in Misskredit zu bringen. Das entlockt mir nur ein süßliches Lächeln. Und dann kommt der nächste Reiz und ich arbeite den konsequent so ab, wie ich dies immer mache. Unbeirrbar.

Kremer: Was sagst Du denn den Menschen, die sich als unerreichbar für emotionale Werbebotschaften bezeichnen?

Amygdala: Träumt weiter. Man kann mich mit dem Intellekt nicht ausschalten. Im Nachhinein kann der Intellekt, der alte Fuchs, das Geschehene und Gefühlte perfekt erklären. Auch immer so, wie man es gerne im Ergebnis hätte. Aber es ist und bleibt der zweite Schritt. Die Wissenschaftler erklären diese Prozesse mit unverständlichen Worten in größerer Komplexität. Im Ergebnis ist es aber so einfach, wie eben beschrieben.

Kremer: Neudings wirst Du ja sehr oft fotografiert. Man lauert Dir auf, um zu sehen, auf was Du wie reagierst und wo Du Deine Reaktion hier im Kopf weitergibst. Dringt man da nicht zu sehr in Deine Privatsphäre ein?

Amygdala: Eindeutig. (Anm. d Red.: Sie lächelt schamhaft und dreht sich kokett zur Seite) Die aufdringlichen Damen und Herren der Forschung haben ihre Grenzen ausgetestet und schon erkannt. Wir reagieren und man sieht es uns an. Aber genau hier ist das Amygdala-Kino auch schon vorbei. Wie ich meinen Job genau mache, ist auf diese Weise nicht zu klären. Eine Frau wird mit jedem Geheimnis schöner, das sie umgibt. Sieht man mir das nicht an?

Kremer: Muss ich das erklären? Hast Du das nicht schon längst registriert und irgendwo hier im Raum abgelegt?

Amygdala: Es brauchte nur Sekunden und ich hatte mich in Dir komplett verarbeitet. Ich weiß genau, wo ich bei Dir abgelegt wurde. Von mir. Möchtest Du es im Detail wissen? (Anm. d. Red.: Der Blick fragend und verheißungsvoll, ist Verlockung und Warnung zugleich.)

Kremer: Nein! Ich will Dich kennenlernen. Du bist der Star.

Amygdala: (Anm. d. Red.: Sie scheint kurz sehr beschäftigt zu sein und Mengen von Emotionen schnell und sicher abarbeiten zu müssen. Denn Sie sucht kurz nach Worten.) Früher dachte man, ich wäre nur für das Thema Angst und dessen Bewältigung zuständig. Heute weiß man, dass ich auch bei den schönen Seiten des Lebens meine Mandeln im Spiel habe. Bei der Wahrnehmung jeglicher Form von Erregung, also bei affekt- und lustbetonter Empfindung. Und da darfst Du den Sexualtrieb gerne mit einbeziehen.

Kremer: Gibt es irgendeine Entscheidung, die man hier im Raum (Anm. d Red.: Gemeint ist der Kopf.) und ganz speziell in Dir, nicht in letzter Konsequenz auf den Sexualtrieb zurückführen kann?

Amygdala: In letzter Konsequenz – nein!

Kremer: Punkt?

Amygdala: Ja!

Kremer: Diese Nachricht wird mancher befremdlich finden, andere werden sich dieser Erkenntnis gerne hingeben. Professionell wird man sich das noch mehr zu Nutze machen können. Ich denke da an die Werber.

Amygdala: Und immer mehr Werber denken an mich (Anm. d. Red.: lacht verschmitzt).

Kremer: Bleiben wir mal bei den Werbern. Was rätst Du denen denn, wenn sie mit Dir “arbeiten” wollen?

Amygdala: Ich rate zu großer Schlichtheit. Je schlichter der Reiz, den ich bekomme, desto besser lässt er sich hier im Raum ablegen. Je mehr Ablagen ich finden und nutzen kann, desto besser ist der Reiz hier verfügbar und wird bei deutlich mehr Situationen erinnert. Das ist die ganze Kunst. Wenn ich mir anschaue, wie man manchmal versucht, mich zu provozieren oder gänzlich zu umgehen, dann möchte ich nicht Kunde dieser Werber sein.

Kremer: Was ist denn der schlichteste Reiz?

Amygdala: Duft! Nur Düfte werden mir völlig unverarbeitet gegeben, sie abzulegen. Jede andere Form der Reize wurde vom alten Thalamus vorbereitet. Wenn Du mal ganz direkt mit mir kommunizieren möchtest, schick mir einen Duft. Nichts ist intimer zwischen uns. Nichts bewegt mich direkter und lässt mich unvermittelter reagieren.

Kremer: Da wundert es mich, dass erst so wenige Duft im Marketing einsetzen.

Amygdala: In der Werbung wundert mich nichts. Die scheinen gegen viele Erkenntnisse resistent zu sein. Oder es liegt an den Kunden der Werber, die lieber altem Denken als neuem Wissen trauen. Aber ich dachte, wir sprechen über mich?

Kremer: Ja, reden wir über Dich. Du verknüpfst Ereignisse mit Emotionen und man nennt Dich oft auch das “Körpergedächtnis”. Was bedeutet Dir dieser Name?

Amygdala: Ich habe den Namen gerne angenommen. Stell Dir vor, ich verbinde ein bestimmtes Ereignis mit einer bestimmten, heftigen Emotion und drücke das mit starken, körperlichen Reaktionen aus. Diesen Vorgang lege ich an unterschiedlichsten Plätzen ab. Wenn jetzt ein anderer Reiz kommt, der objektiv nichts mit dem ersten zu tun hat, er aber an selber Stelle abgelegt wurde, setze ich eine körperliche Reaktion in Gang, die sich niemand spontan erklären kann. Dann habe ich als Körpergedächtnis funktioniert. Das gilt für Extremsituationen und führt zu extremen Reaktionen, das Prinzip funktioniert aber auch im Kleinen. Das dürfte die Werber schon wieder sehr interessieren.

Kremer: Kannst Du uns zum Abschluss noch verraten, welche Kriterien Dich und Dein Handeln wesentlich prägen? Schön wäre es auch, die Karte zu bekommen, nach der Du die Schätze, Ereignisse mit Emotionen verknüpft, hier vergräbst!

Amygdala: Lass es mich so sagen: Jeder hat drei Grundinstruktionen in sich, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Ich lege dieses Kräfteverhältnis jeder meiner Handlungen zu Grunde. Die Instruktionen heißen Balance, Dominanz und Stimulanz. Jeder ist in seiner Ausprägung absolut einzigartig. Du auch. Soll ich Dir Deine Kräfteverhältnisse mal verraten?

Kremer: Die Schatzkarte. Erzähle lieber von der Schatzkarte.

Amygdala: (Anm. d. Redaktion: Amygdala nimmt ein Blatt und einen Stift und malt eine Elipse auf…) Wenn das die emotionale Landkarte ist, dann… jetzt schreibt der nicht.

Kremer: Ja…?

Amygdala: Ach lass mich mysteriös bleiben. Nimm die Karte, die es schon gibt und entwickel sie weiter. Du bist da auf einem sehr guten Weg.

Kremer: Amygdala, bekomme ich ein zweites Interview?

Amygdala: Lass es mich so beantworten: “?” Dann bleibt es spannend. Ich habe Dieses Ereignis gerade bestimmten Emotionen zugeordnet. Wenn Du aufmerksam bist, wirst Du die Antwort jetzt finden.

Kremer: Es erinnert mich an Hollywood und die ungewisse Gewissheit, dass das Ende eine Fortsetzung zulässt.

Amygdala: Guter Junge!

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