Sie kennen das Thema garantiert. Da bin ich mir sehr sicher. Asynchrones Müdewerden. Der Abend kommt, die Energie geht. Aber sie geht mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Es gibt Synchronisationsmöglichkeiten, die geschlechterübergreifend, oder bei homosexuellen Lebensformen rollenübergreifend, zur Ermüdung führen. Aber lassen wir die mal aus. Einer möchte noch lesen, der Partner nicht. Licht an und der müde Partner leidet Einschlafqualen, Licht aus und der wache Partner leidet Augenqualen. Schlafbedarf als Grundbedarf geht selbst in zivilisierten Kulturen über nächtlichen Lesebedarf, also fällt das Lesen aus.
Für das Gewicht könnte man auch einen Literaturnobelpreis bekommen.
Hier kommt das iPad ins Spiel. Licht aus, iPad an, die Displayintensität gedimmt, dass die Augen nicht vom Licht ermüdet werden und der Schläfer in seiner Dunkelheit völlig ungestört ist. Die eventuell dennoch einsetzendkörperliche Müdigkeitssynchronisation, die ein spontanes Entledigen des iPad notwendig machte, hätte keine Auswirkungen, weil mit dem antippen des Buches im digitalen Billy-Regal danach erneut die richtige Seite aufschlägt.
Mit seinem literaturnobelpreisverdächtigen Gewicht, das sich in der Nähe der Atemschaukel von Herta Müller einpendelt, kann sich kein Qualitätsleser über das Gewicht des iPad in Händen aufregen. Es wiegt, was es wiegen muss und kann. Das gilt übrigens auch für den Konsum von Marvel Comics, die ich nach 20 Jahren mal wieder gelesen habe. Auf dem iPad. Denn die Leseführung durch die Comics ist sensationell und macht das Gewicht oberhalb eines Comic-Heftes unwichtig. Doch mit Büchern und Heften hat man es mit dem iPad noch nicht abgedeckt, das Lesen. Es gibt auch noch das Lesen jeglicher Internetseiten zu testen.
Das iPad gewinnt den Eurovision Song Contest in OSLO(G).
Gute zehn Jahre existierte der ESC für mich nicht mehr, dann habe ich auf youtube die Gewinnerin der Vorentscheidung gesehen und spontan gesagt, sie schafft es. Damit war der ESC aus den Randbereichen meines Sehens und Denkens, leicht zur Mitte verrutscht. Dann lag das iPad in meiner Hand und wollte benutzt werden. Der Bauch riet mir nach Lena zu suchen, das inspirierende Video wieder zu finden und ich landete bei Lena, beim ESC, aber den Umweg über OSLOG gehend. OSLOG.TV war das Blog von Stefan Niggemeier und Lukas Heinser zum ESC, das mir und meinem iPad den ESC final in die Mitte des Augapfels und des Hirns drückte. Die Gründe waren inhaltlicher und organisatorischer Art. Das Blog war eine herrliche Gegenposition zur üblichen ESC-Berichterstattung, damit Lena und mir würdig. Mehr aber noch entschied die Tatsache, das die Blogger immer zu heidnischen Zeiten, diesen unchristlichen, ihre Beiträge als Videos veröffentlichten und ich diese Kleinode der Videokunst aus diesem Grunde mit dem iPad im Bett abzurufen pflegte. Der ESC blieb so im Fokus und es kam dazu, dass ich meine Prophezeiung der siegreichen Lena nicht nur verfolgen, sondern auch stützen wollte. Ich veröffentlichte nachts via iPad über Twitter über Lena und OSLOG.TV, schrieb Kommentare in diversen Blogs und füllte den eigenen mit Lena und ihren von mir erkannten Fähigkeiten. Ich bin mir sicher, dass genau dies die entscheidenden Impulse waren, die Lena zum Jubel geführt haben. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Aber mein iPad und ich haben mit dieser Version einen unglaublichen Spaß.
„on“ zu sein bedarf es wenig und wer „on“ ist, ist ein König.
In einem Umfeld mit 6 aktiven und 2 inaktiven i und MacBooks, zwei Mac Minis und 5 iPhones sollte es kaum einen Moment geben, in dem man nicht „on“ sein kann. Ist man es nicht selbst, begegnet man ständig anderen, die „on“ sind und an deren „on“ man partizipieren kann. „Kann ich mal eben…?“ „on“ zu sein ist heute auch von extremer Wichtigkeit, stehen wir doch erst noch am Anfang eines immer digitaler werdenden Lifestyles und müssen der uns folgenden Generation dafür beste Voraussetzungen bieten. So, wie auch in allen anderen Lebensbereichen, die Technik, nachdem sie erst wichtig und sichtbar sein musste, unsichtbar geworden ist, muss auch der digitale Lifestyle unsichtbarer werden. Besonders der mobile, digitale Lifestyle. In diese Anforderung prescht das iPad hinein. Man braucht dafür keine eigene Tasche mehr, es passt in nahezu jede. Man braucht nicht ständig Lademöglichkeiten, denn es kann sehr lange „on“ sein. Und nimmt man es mobil zur Hand, immer da, wo das iPhone an die Grenzen seiner Größe stößt, fällt es, ist die Euphorie um das Neue erstmal abgeebbt, nicht mehr auf. Gab es früher Cafés, die wie die Laptop-Abteilung von Saturn aussahen, sind diese durch das iPad wieder Cafés geworden. Muteten Besprechungstische an wie Messestände von Laptopherstellern, sind diese, dem iPad sei Dank, wieder menschlicher, ohne auf jeglichen digitalen Support verzichten zu müssen. Waren Flughäfen früher Lagerhäuser mehrerer Jahresproduktionen von Laptops, die sich um 5 Steckdosen drängelten, sind es heute Orte entspannten „on“-Seins.
Auf den Boden, du iPad!
Ja, schreien Sie mich bitte nicht so an, es gibt Momente und Anforderungen, denen das iPad nicht – oder noch nicht – gewachsen ist. Aber ganz ehrlich, diese liegen nach meiner persönlichen Erfahrung und langjährigen Beobachtung im niedrigen Promille-Bereich, in denen man die ganze Power eines Formel1-Laptops mobil benötigt.
„on“ und König zu sein, ist mit dem iPad extrem lässig geworden. Man kann das gut an den Blicken derer erkennen, die ihren Frauen oder Arbeitgebern gerade das Budget für ein noch besseres Laptop abgeschwatzt haben, um damit in Cafés, Besprechungen und Flughäfen Potenz zu zeigen. Ich kann verstehen, dass man dann nicht direkt zu einem Freund des iPads werden kann. Der Gesichtsverlust, der Einbruch der gesamten Beschaffungs-Argumentationskette und der erhebliche Verlust vordergründiger Businesslibido sind ja auch nicht leicht wegzustecken. Man muss charakterlich schon stark sein, um dem iPad unverstellt begegnen zu können.
In Teil 5 von „Make my Day“ wird das iPad aus dem Leben des Schreibers herausgelöst und in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge gestellt. Es bekommt, wenn es bis jetzt bodenständig und menschennah war, dort etwas Prophetisches, Veränderndes im menschlichen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Sinn. Sie werden es danach nur noch verehren oder hassen können. Teil 5 erscheint am 30. Juni. 2010.
Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 5 und Teil 6.
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