Er ist offen. Klick, ja ich will, klick, klick. Dies noch und das noch, die Basics und manch Verlockendes, etwas Kurzweil und jede Menge Arbeitserleichterung, hier und da Inspiratives und sicher auch völlig Überflüssiges.
Der App-Store ist offen und man kann ganz ohne Umwege über die USA-Version des Shops, endlich die heiß ersehnten Apps auf das iPad laden. Meine 16 Gigabyte schlucken willig App um App. Dann muss ich ein paar Fotos und Songs löschen, um noch etwas Freiraum zu schaffen. Ich reduziere den Bestand auf den wesentlichen, den mobil notwendigen. Den Apps sei Dank.
Das Billy-Regal muss man nicht mehr schleppen, man kann es jetzt laden.
iBooks, das gefühlt 456. Billy-Regal meines Lebens, steht plötzlich vor mir. Werde ich nach anfänglicher Ladehemmung bei virtueller Musik, denn ich bin Fan von anfassbaren CDs, auch eine Ladehemmung bei virtuellen Büchern haben? Jain! Ich gönne mir die Millennium Trilogie gegen VISA und Goethes Faust als Freeware-Version. Faust ist wirklich kostenlos. Unfassbar. Ein erster Lesetest fühlt sich gut an. Warten wir mal auf die wirklichen Lesebedingungen, ob sich das bestätigen wird. Eines ist jetzt schon sicher. Für einen notorischen Mehrbuchleser ist es extrem praktisch, dass bei allen iBook-Büchern immer die zuletzt gelesene Seite „aufschlägt“! Da lässt mich das gute alte Buch manchmal im Stich. Am Ende kaufe ich mir noch das unsägliche Buch „100 Tage Sex“. Ein Paar beschreibt das Experiment, 100 Tage lang jeden Tag Sex zu haben. Man könnte auch das Buch schreiben „ 100 Tage atmen“. Beides kommt mir so selbstverständlich vor. Aber ich gebe zu, das Atmen-Buch hätte ich nicht gekauft.
Das iPad eignet sich für schnellen Sex.
Das Paar im Buch beschreibt, wie es die Sexualität wieder entdeckt und erlebt Momente, in denen es früher gelesen hat, die im Experiment plötzlich für Sex unterbrochen werden. Ein hektisch entledigtes Buch ist „verschlagen“, ein iPad nicht. Über derartig wichtige Details hatte mich bisher noch keine iPad-Betrachtung informiert. Spontan entledige ich mich des iPads…
Adobe ist gut für jeden Ideen-Flash.
Ideen! Wer die extrem kurze Halbwertzeit und die flüchtige Konsistenz von Ideen kennt, der weiß um die Not, plötzlich aufkeimende Ideen festhalten zu wollen und zu können, bevor diese schnellwachsenden Pflanzen schon wieder verblüht und verdorrt sind. Adobe Ideas ist, zusammen mit dem iPad, die perfekte App zur Lösung des größten, botanischen Problems aller Kreativer.
Man öffnet ein weißes „Papier“ schon Sekunden nach der ersten Berührung des iPad und des rasanten Starts der App, zeichnet mit schnellen Strichen die Idee, macht sich Notizen und sendet sich diese als PDF per Mail zu. Von der Idee bis zur Konservierung dieser und deren Versand vergehen nur 2 bis 3 Minuten. Perfekt. So kann man sich selbst und andere schnell und effektiv mit spontanen Geistesblitzen quälen. Denn eines macht Adobe Ideas nicht. Die Ideen mit der Creative Suite direkt druckreif, postfähig, filmreif, oder überhaupt reif. So manches Skribble hat in dieser Skizzenform sogar schon Einzug in Präsentationen gehalten. Denn nichts ist so eindrucksvoll, wie der Moment der Geburt einer Idee. Damit ist das iPad zum Notizblock geworden, den man ständig bei sich trägt. Mit geduldigem Akku, der nicht öfter schlapp macht, als man sein reales Notizbuch früher mal nicht bei sich hatte.
Wie war das früher, ich meine vor dem 28.5.2010, dem Verkaufsstart des iPad in Deutschland – ante ipad natum? Mein allgegenwärtiger, schwarzer, saftiger Edding 3000 hat die Ideen auf anwesendes, weißes Papier gebracht, dies wurde dann fotografiert, auf das MacBook übertragen und per Mail versendet. An die, die diese Idee bewerten oder weitertreiben sollten. Jetzt stelle man sich mal eine plötzliche Idee auf der Toilette vor. Diesem Raum größter männlicher Kontemplation. Da ist manche Pflanze verdorrt.
Das Großartige an Adobe Ideas ist, dass man in der App auch PDF von Layouts öffnen und kommentieren kann. Sogar Fotos lassen sich nach einem Shooting in der App öffnen und Anweisungen für die Postproduction können skizziert werden. Nur für diese eine App lohnt sich die Anschaffung des iPad für eine Heerschar von Menschen, die selbst kreativ sind, oder die Kreativität anderer zu bewerten haben. Wie wichtig diese App ist, sieht man auch am Startbildschirm meines iPad. Adobe Ideas prangt ganz oben links. Bei Textlastigkeit ist HelvetiNote die App der Wahl, bei privaten Themen ist es Penultimate, die sich den sprudelnden Ideen gewachsen zeigt.
Eigentlich könnte man für die Creative Class die iPad Betrachtung hier enden lassen, denn die Performance beim Ideenfangen, Ideenfesthalten und Ideenverteilen sowie dem Ideenbewerten des iPads ist grandios. Aber es soll ja auch noch andere Menschen geben, die sich für ein iPad interessieren und inhaltsschwangere Worte erwarten, sich entscheiden zu können. Oder um dem Freund, der Freundin, der Frau, dem Mann, stichhaltig erklären zu können, warum im Haushalt, nach all den wichtigen „i“ von Apple, dies jetzt auch noch angeschafft werden muss. Diesen Ungläubigen muss und kann noch geholfen werden, sich zu erwärmen.
Die Hure für das digitale Stundenhotel.
Wenn man sich mit seiner Emotionalität mal völlig rausnimmt und sich dem iPad verweigern will, merkt man schnell, dass man sich mit einer Hure eingelassen hat, die nicht nur jeden wilden Wunsch erfüllen kann und wird, sondern auch noch Wünsche weckt, die man vorher selbst nicht kannte. Der Versuch der Miss- und Verachtung scheitert in dem Moment, in dem das iPad mit dem roten Lacktäschchen winkt, das voller Apps ist, die jederzeit, willig, allem dienen, was uns wichtig und schön erscheint. Und ehe man sich versieht, landet man wieder im Stundenhotel der digitalen Liebe und gibt sich hin. Ein Streicheln und das iPad kommt. Kann man dies oder ähnliches über irgendein anderes Gadget so schreiben? Nein.
Ist der Papst gegen rote Lacktäschchen?
Der Papst muss der Grund sein, warum es auf dem iPad keine Bibel im Billy gibt. Ich habe zumindest keine bei iBooks gefunden. Die Deutsche (katholische) Kirche kann mangels Einfluss und Verdorbenheit sich nicht dafür stark gemacht haben. Hat der deutsche Papst dies eventuell veranlasst. Obwohl der ja auf rotes Lackleder steht, wenn man sich seine Schuhe anschaut. Es liegt wohl eher daran, wenn es dabei bleibt, dass die Bibel nicht erhältlich ist, dass man keine anderen Götter zulassen möchte – Apple, Jobs, iPad, iPhone, um nur ein paar religiöse Strömungen mit ihren Gottheiten zu erwähnen.
In Teil 4 hat das iPad Sex, gewinnt den Eurovision Song Contest, spielt Fußball und hängt lässig ab. Zu lesen ab nächsten Montag (28.6.2010) hier!
Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 4, Teil 5 und Teil 6.
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