Make my Day. Die andere iPad-Betrachtung. Teil 2

Versüße mir den Tag! Kannst Du das überhaupt? Verlangen da nicht alle zu viel von Dir? iPad! Oder machst Du das mit Links? Mit Rechts, quer und hoch, auf dem Kopf und doch nicht auf dem Kopf? Überall und nirgendwo?

Ich berühre das jetzt prall gefüllte iPad und – es wird hell. Sehr hell. Das übergroße iPhone leuchtet mich so selbstbewusst an, dass es in dieser Sekunde gefühlt zum verkleinerten MacBook wird. Die Glasscheibe leicht gestreichelt und in der nächsten Sekunde, wörtlich zu nehmen, ist alles da. Die gesamte Leistungsfähigkeit, die man mir in schönstem Marketing-Amerikanisch versprach.

Als Apple- Anwender mit 20 Jahren Markenerfahrung lese ich, meiner männlichen Apple-Hybris frönend, keine Bedienungsanleitungen. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es ja sein könnte, dass ich irgendeine revolutionäre Neuerung verpassen könnte. Obwohl das unwahrscheinlich ist, denn genau die wurde sicher in verlockendstem Marketing-Amerikanisch wie ein Mantra tausendfach vorgebetet. Vom Vorbeter Jobs, von den Apple Fans in typischer und von allen Apple-Gegenern in noch kleinlicherer Intensität! Beim iPad kann aber so oder so kein schlechtes Gewissen aufkommen. Die Ankündigungen waren gigantisch in der Zahl und es gibt keine Bedienungsanleitung. Denn die zwei beiliegenden Seiten im Kleinstformat verdienen diese Bezeichnung nicht. Nicht wegen des Formats und nicht wegen des überschaubar gehaltenen Inhaltes. Diese Bedienungsanleitung ist die größte Marketingprovokation, die ich je gesehen habe. Groß an Genialität und psychologischer Wirkung.

Wer es sich leisten kann, ein derart ambitioniertes, technisches Gadget so minimalistisch anbieten zu können, muss entweder völlig abgehoben sein, oder mehr als alle anderen wissen, was er macht. Ich vermute Jobs ist durch seine „Wiedergeburt“ und den gigantischen Erfolg der letzten Jahre völlig abgehoben und hat den Kontakt zur Realität verloren.

Die Realität, diese unbestechliche, belehrt mich schnell eines Besseren.

Geladen und synchronisiert über mein MacBook Pro bedarf es wirklich nur des Einschaltens und eines kleinen Streichelns über den schwarzen Glanz und diese paarhundert Gramm Technik öffnen mir ohne jede weitere Erklärung und Beschäftigung den Zugang zu allem digitalen Wissen und jedem digitalisierbaren Ausdruck menschlicher Kultur dieser Welt. Ohne auch nur eine App geladen zu haben. Jobs ist nicht abgehoben. Er ist geerdeter als er es je war. Denn ein solches Gadget kann man nur kreieren, wenn man dem Kunden in die Augen schaut, deren Herzschlag fühlt, die Hirne kennt und die Hüfte der Kunden dabei nie vergisst.

Da mein iPad aus England kam und hier noch keine iPad-Apps verfügbar waren, hatte es nur die Grundfunktionen, um mich zu überzeugen. Für einen iPhone-Benutzer, der sein iPhone vom ersten Erscheinungstag an hat und seit diesem pimpt, eine wirklich schwere bis fast unmögliche Aufgabe. Für jemanden, der Tag für Tag viele Stunden die gesamte Leistungsfähigkeit des MacBooks braucht, ebenfalls nicht leicht.

Nur mit WLAN weltweitnetzig, wird das iPad in die Tasche gesteckt und in andere WLANs ausgeführt. Bevor ich das Haus verlasse, muss ich überprüfen ob es wirklich in der Tasche ist, denn am Gewicht merkt man es nicht. Es ist drin. Im Café um die Ecke, dem Rekord in Düsseldorfs Flingern Nord, ist es dann raus. Ich lege ich es neben eine Latte Macchiato. Beiläufig.

Die Reaktionen in der Reihenfolge des Auftritts. Eine Blondine fragt, ob es DAS ist. Ich bejahe. Sie fragt, ob sie ES mal anfassen könne. Gerne. Sie fragt, ob es einen Grund gibt, ES nicht zu kaufen. Ich verneine. Seit diesem Tag sind wir uns nicht mehr fremd, grüßen uns und seit kurzem hat sie ES auch. ES verbindet uns.

Ein Mittvierziger fragt, ob es DAS ist? Ich bejahe. Er sagt, DAS bekommt bei uns im Architekturbüro jeder. Ich stelle mir 3D-Animationen neuer Projekte auf diesem Bildschirm vor und verstehe. Ich denke an Präsentationen unter 4 bis 8 Augen und verstehe. Seitdem verstehen wir uns, grüßen uns. Er hat es jetzt auch.

Ein Ehepaar, Mittsechziger, schickt den Mann nach vorne, der vorsichtig fragt, ob es DAS ist? Ich bejahe. Er bittet um eine „Kurzvorführung“. Ich lasse das iPad ihm sich selbst vorstellen. Sie sagt, DAS ist auch etwas für uns. Das kann alles und wir müssen nichts können. Ich habe die beiden bis jetzt leider nicht mehr getroffen. Bin mir aber sicher, auch wir würden uns kennen.

Ein Mittdreißiger sagt, ich sei extrem gemein zu ihm. Ich wundere mich lautmalerisch. Er sagt, es wäre gemein, dass ich ES schon hätte und er nicht. Er durfte es mal anfassen. Mehr wollte er nicht, um sich den Moment des ersten Einschaltens nicht zu entzaubern.

Es ist, als ginge man mit einem ganz kleinen Hund durch einen ganz kleinen Park. Am Ende ist man eine ganz kleine Gemeinschaft, die sich um das ganz kleine iPad schart. Sie haben es gemerkt? Das iPad hat Hüfte, Hirn und Herz angesprochen. Mal auf dieser, mal auf jener Seite. Und es hat immer so viel Kraft, dass der Eindruck auch die Seite wechseln kann. Ich gehe zurück an den Schreibtisch, um das iPad auch mal selbst streicheln zu können.

Kann man mit dem kleinen Ding denn auch großen Eindruck bei Anzug und Kostüm erzeugen?

Konzeptpräsentation in einem europäischen Flughafen. Vier Personen, ein iPad lässig mit der langen Seite auf zwei Zuckertütchen im Starbucks aufgelegt und der Launch einer Marke findet eindrucksvoll den Weg vom iPad in Herz, Hirn und Hüfte der zu Begeisternden. Nach wenigen Minuten sieht man sogar erste Fingerabdrücke von denen, die sonst nur passiv zuhören und sehen. Mal schnell ins Detail gezoomt. Die Idee war sicher gut, aber das Medium hat auch seinen Job gemacht. Schnell, unkompliziert, beherrschbar, der Zeit gemäß und voraus und auch nach Stunden noch hell und schnell. Das Wichtigste war aber, dass sich das iPad völlig zurücknimmt und den Inhalt dadurch heroisch inszeniert. Fazit. Man kann.

Was viele als Nachteil proklamieren, dass man an dem iPad nicht so produktiv arbeiten kann, wie an einem MacBook, erweist sich in einer intimen Präsentation als besonders gut. Man kann nicht mal eben dem Wunsch nachgehen, das Präsentierte doch auch mal so oder so zu zeigen, zu verändern und was sonst noch alles an Wünschen den Präsentierenden angetragen wird. Will man ja auch gar nicht. Kann das iPad auch gar nicht. Jobs sei Dank. Und doch. Auf dem Rückflug im Flugzeug entsteht das Protokoll zur Präsentation, dass bei erstem WLAN-Kontakt allen Beteiligten zugeht. Versucht man dies mit einem 15Zöller, der sonst mein treuer Begleiter war, hat man bei den heutigen Sitzabständen in den Flugzeugen, kaum Platz dafür.

10.000 Meter über dem Meer gut zu sein, ist Luxus. Direkt am Meeresspiegel gibt es viel mehr Konkurrenten und die Anforderungen dort sind zigtausendfach komplexer. So begeben wir uns, das iPad und ich, mit unseren Beobachtungen in die Niederungen des Alltags. Wachen auf, stehen auf, frühstücken, arbeiten, entspannen, essen, lieben, leben und schlafen wieder ein. Wo wird das iPad dabei sein? Wann und wie selbstverständlich? Die Erkenntnisse sind ernüchternd. Für die Gegner.

Hier geht es zu Teil 1, Teil 3Teil 4, Teil 5 und Teil 6.

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