Nein, dies wird kein Striptease eines neuen, verpackten iPads. Wenn überhaupt, dann ein Striptease des Autors, der sich Zeit nahm, sich einließ und die Gedanken zum iPad und die vom iPad provozierten, unzensiert niederschreibt.
Das Bild ist eher dieses. Dirty Harry steht, mit seiner .44er Magnum von Smith & Wesson Smith Model 29 unmissverständlich zu einer Reaktion auffordernd, vor Ihnen. Go ahead. Make my day! Die gewünschte Reaktion wird individuell ganz verschieden sein. Mal fordert er zum Vordenken, mal zum Nachdenken auf, mal zur Entspannung, dann zum Phantasieren, zum erstaunten Glotzen, zur sofortigen Erregung oder auch nur schlicht zum Kauf auf. Zuerst fordert er Sie jetzt alle auf, zu lesen. Das hier. Go ahead, make my day. Macht schon, versüßt mir den Tag. Den Lauf vor der Nase, den Duft von Metall und Explosionen.
Ich habe schon mal in El Paso in einem An- & Verkauf zwischen White- und Black-Trash Amerikanern, die Handfeuerwaffen kauften, ein Saxophon gekauft. Ähnlich fühlte ich mich, als ich über ebay mein iPad in England gekauft habe. Konspirativ – vor dem Produktstart in Deutschland. Das Geld hat ein Kurier namens Paypal übergeben. Er biederte sich an. Die Ware kam in einer Transporttasche. Angestoßen, verklebt, hatte den Charme einer Paketbombe. Der Preis lag bei einem Euro pro Gramm. Wenn der Inhalt berauschende Wirkung haben sollte, wäre dies ein sensationeller Grammpreis. Man hört von deutlich teureren Rauschmitteln. Der Kurier, der die Ware brachte, sprach mich auf den Inhalt an: „Hey cool. Viel Spaß damit!“ Wenn ich mal bei Orion bestelle, würde mich dieser Kommentar im Hausflur irritieren. In diesem Falle blieb ich gnädig.
Seit Apple umweltbewusst ist, worauf Apple früher null Wert gelegt habt, ist das Auspacken weniger dramatisch geworden. Die Verpackung ist kaum größer als das Produkt. Das ist, als würde man einer sonst nackten Frau das eng anliegende, durchsichtige T-Shirt ausziehen. Zweifelsohne sehr schön, aber die Dramatik des Entdeckens geht dabei verloren. Die Inszenierung leidet unter zu viel „Responsibility“! Die geneigten, weiblichen Leser bitte ich, selbst eine männliche Metapher zu finden, um dieses Gefühl nachempfinden zu können.
So vertraut, wie der Inhalt meiner Hose.
Dann lag es da. Neu und doch vertraut wie ein alter Freund, in dessen Gesicht man jede Furche kennt – in meinem Alter haben Freunde schon Furchen. Ich hatte das iPad zehntausend mal gesehen. Holz- und Digitalmedien waren übervoll davon. Fotos aus jeder Richtung und in jeder Umgebung hatten mich mit dem iPad schon so vertraut gemacht, wie mit meinem iPhone, das ich schon Jahre bei mir trage. Vorzugsweise in der rechten Hosentasche meiner allgegenwärtigen Jeans. Es ist mir so nah, wie sonst kaum etwas. Wenn ich mal vom Taschenfutter absehe, das, selbst bei sehr kostspieligen Jeans, extrem dünn ist.
Vor 20 Jahren, zu Beginn meiner persönlichen Apple-Zeitrechnung, als Batterien und Akkus noch Sensibelchen waren und nach einem Masterplan be- und entladen werden mussten, ich das in der Aufregung der Entdeckung aber ständig ignoriert habe, was mich dann hohe Akkuanschaffungen kostete, durfte ich nicht schnell starten, machte es aber, weil 20 Jahre jünger. Jetzt, da Akkus genügsam wie alte Esel sind und man wild und sorglos mit ihnen sein kann, gebe ich mich beherrscht. Wie gesagt, ich gebe mich. Ich bin es nicht. Das iPad kommt zuerst an die Steckdose. Beherrschen. Es soll vor Strom nur so beben, die Akkus prall voll, wenn ich es das erste mal benutze und über Stunden fordere. Unbeherrscht.
Saugend bot es sich mir an. Ich widerstand.
Dann lag es da. Strom saugend. Nuckelnd. Nicht weit vom Apple Stamm gefallen, ruhte es schwarzglänzend zwischen MacBook Pro, Apple 24 Zoll Display und iPhone. Ein friedliches Bild, ein ästhetisches Bild, ein fragwürdiges Bild. Denn es wird eng auf dem Schreibtisch, wenngleich meiner extra klein ist, da dann extra wenig darauf abgelegt werden kann. Erste Zweifel keimen auf und drücken sich mit Macht durch die fruchtbare, dunkle Erde der Erwartung ans helle Licht der Erkenntnis. Diese Anwandlung ist schnell verdrängt, denn ich möchte mich vom individuellen Denken und Bewerten, dem strategischen und globalen Zuwenden, mich darin mit dem iPad einsortieren und über den momentanen Nutzen hinaus, auch den sich entwickelnden, zukünftigen einfließen lassen. Beherrscht.
Während das iPad selig nuckelt, berühre ich es manchmal an der glänzenden Oberfläche. Sie ist glatt und stemmt sich doch so weit dem Streicheln entgegen, dass es einem das Gefühl vermittelt, mit jeder Berührung etwas zu bewegen. Der Druckknopf in der glänzenden Fläche, die Technoklitoris, der G-Punkt des iPad, bietet sich willig an. Ich widerstehe. Beherrscht. Dann sind die 100% erreicht. Go ahead. Make my day.
Pingback: Make my Day. Die erotischste iPad-Betrachtung. Teil 6 | Kremer und Konsorten
Pingback: Make my Day. Die andere iPad-Betrachtung. Teil 5 | Kremer und Konsorten
Pingback: Jetzt streng öffentlich: Make my Day, die andere iPad Betrachtung | Kremer und Konsorten
Pingback: Interview mit iPad: Walter und Konsorten | Kremer und Konsorten
Pingback: Make my Day. Die andere iPad-Betrachtung. Teil 4 | Kremer und Konsorten
Pingback: Kremer und Konsorten » Make my Day. Die andere iPad-Betrachtung. Teil 3
Pingback: Kremer und Konsorten » Make my Day. Die andere iPad-Betrachtung. Teil 2
Pingback: Kremer und Konsorten » Make my Day. Die andere iPad-Betrachtung.