Erster Teil der Trilogie “Kommunikationsphantasie in drei Sätzen”

Jörg Kremer am 1. Februar 2010

Warum sollte man in drei Sätzen über Kommunikation phantasieren? Weil großes Theater und große Musik gerne in drei Sätzen gemacht wird. Weil mein Vater immer gesagt hat, der Dreisatz wäre wichtig für mein Leben. Und weil Vögele sagt, man müsse immer drei Gründe liefern. Und weil es eine Trilogie ist.

Ja, am Ende werden wir auch versuchen einen kommunikativen Dreisatz zu formulieren. Einen Satz zur exzessiven Kommunikationsphantasie, deren Einsatz in der Realität und und die möglichen unternehmerischen Folgen. Der zweite Satz formuliert eine eher pragmatische Kommunikationphantasie, natürlich auch deren Einsatz und Wirkung. Der dritte Satz formuliert die kommunikative Gegenphantasie, den ideologischen Gegentrend, den jede Phantasie per Natur provoziert.

Vorhang auf, Taschenrechner an, Vögele aus dem Käfig, los geht es…

Gebt den tobenden Affen in ihren neuen Lebensgehegen intelligenten Zucker

Im Angesicht des Szenarios einer drohenden Reduzierung der Individualmobilität, durch irgendwann fehlende Ressourcen, wird der Mensch nervös. Vor dem Ende der lieb gewordenen Benzinmobilität fliehen wir in eine hyperventilierte Digitalmobilität. Eine Urlaubsreise nach Florenz via amerikanischem google Earth Server, den David als Desktopbild in Indien programmiert, dazu eine total ursprüngliche Pesto mit Frischnudeln vom deutschen Digitalhändler genusshandwerker.de, Musik aus einem iIrgentwas aus China, während eine Reinigungskraft mit italienischem Migrantionstouch in der dritten Generation in einer Authentizitätsgruppe in facebook für beinahe körperliche Nähe sorgt. Das alles mit Freunden getauscht, die in der Gruppe mediterrane Kultur, dort in der Untergruppe Italien ist überall, hier in der Gruppe Shoppen in Florenz, dann in der Gruppe David als Männlichkeitssymbol, hier in der Gruppe Homosexuelle, dort in der Untergruppe Konfessionslose und deren Untergruppe…

Nach den Jahren, in denen Produkte die Götter der Menschen waren und sie sich jedem Gott hemmungslos und mehrfach hingaben – alles dafür hingegeben haben, und nach den Jahren der digitalen Aufbauarbeit, in der Mensch alles digitalisiert hat, was sich lies, in denen er das Wissen in der Basis verfügbar machen konnte, sehnt er sich jetzt danach, das Wissen zu nutzen, sich dem Gott Produkt immer intelligenter zu nähern. Nur noch ausgewählten Dingen Diener zu sein. Er möchte seine Liebe nur noch mit denen teilen, die ihn auch lieben. Der Mensch möchte bei allem ganz besonders auch sich selbst lieben.

Benzinmobilität wird, weil kostspieliger und bedroht, bewusster und Produktaffinität wird, weil man geliebt werden möchte, selektiver. Es gilt, dies, jedes einzeln und beides zusammen, zu optimieren. In der Vorbereitung, während der Tat, im Ergebnis und in der Dokumentation.

Die Folge ist, der Mensch benötigt, weil vielfache Vorbereitung, ständige Tat, alle Ergebnisse und andauernde Dokumentation gleichzeitig stattfinden, Systeme, die es ihm ermöglichen, in dieser Enge aus bereitstehendem Wissen und dem Gedränge aus entstehendem Wissen, anspruchsvollste Ableitungen zu ziehen, die ihm diese Lebensform dennoch leicht erscheinen lassen und einen hohen Unterhaltungswert erzeugen. Unterhaltungswert für den Geist und den Körper. Kreativität als Halluzinogen, als Droge, als Quelle und Ziel, als einzige Überlebenschance!

Die Jungen wollen das alles so und nicht anders, weil sie Hunger haben, nichts verpassen wollen. Die Alten ersehnen sich all das, weil die verbleibende Zeit nach Optimierung schreit und sie nichts mehr verpassen dürfen. Das Mittelfeld macht alles mit. Mal etwas früher, mal etwas später, aber immer zuverlässig. Denn diese wollen entweder noch jung sein oder sind vor dem Alter scheu und reagieren in beiden Fällen über. Zuverlässig.

In einem solchen, hier natürlich sehr verdichtet wiedergegebenen Szenario, wirkt Kommunikation, die so tut, als wäre alles beim Alten, wie ein Schlag in das Gesicht derer, denen man mit werbender Kommunikation eigentlich ein wohlwollendes Lächeln entringen möchte. Der Mensch sieht sich nicht mehr als ruhig verharrendes, blasses Tonröhrchen, auf das man gröhlend mit möglichst viel Blei so lange schießt, bis es zerbricht und sich dem Schießenden als Plastikrose, nie wirklich und echt, hingibt.

Nein, heute ist der Mensch richtig Rose. Duftet, will so wahrgenommen werden, schön, einzigartig, pflege- und hegebedürftig, am Strauch, irgendwo in einer ausgesuchten Ecke gedeihend, Sonne verlangend, nicht irgendwie, sondern in genau dem richtigen Maß, abgebildet, inszeniert, schwer zu pflücken, lockend und abstoßend zugleich. Wer zugrabscht, holt sich blutige Hände und kann dem Verfall zusehen. Wer sensibel an den richtigen Stellen mit zwei Fingern den Stiel in seine Richtung beugt, bekommt alles. Die ganze Hingabe für eine deutlich längere Zeit und immer wieder.

Wer seine Kunden heute als ein gepflegtes Rosenbeet betrachtet, das aus vielen unterschiedlichen Sträuchern mit jeweils zahlreichen Blüten besteht, die auf den ersten Blick wie ein Meer aus Blüten wirken und dann doch jede einzigartig ist, ist schon ganz weit vorne. Aber da ist noch eine Überraschung. Das Beet ist auch nicht ein Beet. Es sind viele kleine Beete, die auf Rollen, immer wieder neu kombiniert und den richtigen Temperatur- und Sonnenverhältnissen ausgesetzt werden. Sie dachten schon, es würde gemütlich bei all den Garten- und Gärtnermetaphern. Weit gefehlt.

Hat man sich gerade hingestellt, dem Kunden die Marke stolz präsentiert, ist der schon wieder weg. Ist die Sprache des Kunden soeben gefunden und angewendet worden, spricht der schon die Sprache eines anderen. Hat man den Empfang des Unternehmensgebäudes gerade in den Lieblingsfarben seiner Kunden gestrichen, stehen die auf Schwarzweiß. Wähnt man sich direkt vor der Rose, will die Nüstern aufsaugend füllen, scheint eine andere Sonne und die Rose wendet sich ab.

Wer diesem Szenario als Marke nicht Rechnung trägt, der hetzt sich tot. Vor der Masse stehend rennt man doch ständig jedem einzelnen hinterher. Das kostet Zeit und Geld und in dieser sich weiter dramatisierenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, kann es den Erfolg und sogar die Existenz kosten.

Das Szenario. Als Marke muss man die Aufgabe übernehmen, mit Kommunikation die Welt zu verschönern. Die Marke hat die Aufgabe, die Ästhetisierung des Lebens zu übernehmen. Marken kommunizieren, indem sie Schwimmbäder möglich machen, Natur erhalten, Wanderwege erschließen und pflegen, Tieren und Pflanzen Platz geben, Bildung ästhetisieren, Freizeit finanzieren, indem sie Orte für Selbstfindung und Selbsterfahrung möglich machen, indem Kunst und Kultur ermöglicht, erhalten und sichtbar werden, zugänglich bleiben. Marken machen Musik möglich, schaffen Raum für Selbstdarstellung und den Aufbau von Wunschbildern. Das alles nicht digital, sondern höchst real. Marken werden für den “bohemian level” der Gesellschaft verantwortlich sein. Deshalb muss Markenkommunikation, ist sie nicht mobil, ästhetisierend dekorativ im besten Sinne des Wortes sein.

In den so geschaffenen Freiräumen, die Politik und Gesellschaft kaum noch garantieren können, weiß die Marke dann, wo der Mensch sich aufhält und kommuniziert exakt zum richtigen Zeitpunkt das richtige Thema und gibt zahlreiche Möglichkeiten, der Faszination dann konsumierenden Ausdruck verleihen zu können.

Die Anforderung an Marken ist, jetzt und für die Zukunft, den kreativen “bohemian level”, im selbstbestimmten Sein und Erleben der Kunden, möglichst hoch zu halten, um in den von den Marken eingerichteten Umfeldern das Wohlbefinden und die gefühlte Kreativität der Selbstbestimmung in Konsum wandeln zu können.

Was umgibt den Menschen, um ihn damit und darüber so erreichen zu können? Sein Mobilitätskonzept - Auto, Nahverkehrsmittel, Zweirad, Dreirad, Fahrrad, Schuhe etc., sein Wohnkonzept – Räume, Möbel, Wohntechnik, Accessoires, und natürlich sein Digitalkonzept – Mobiltelefon, Smartphone, Laptop, iPad, iIrgendwas. Hier lauert die intelligente Verarbeitung aller Informationen als “Eye- and Braincandy” verpackt. Süß, verheißungsvoll, suggerierend, dass man den Moment des Glücks, der Erkenntnis und der Selbstverwirklichung wie in einer Devotionalie materialisieren kann.

Richten Sie die Lebens- und Wunschräume der Kunden ein, geben Sie Ihnen das Gefühl größter Freiheit und Selbstverwirklichung und scannen Sie jede ethisch vertretbar erhältliche Regung, dann müssen Sie Ihre Produkte und Leistungen nur noch so flexibel gestalten, dass diese der geografischen und spirituellen Mobilität im Moment des Zusammentreffens größte Übereinstimmung versprechen. Und schon sind Sie erfolgreich.

Mobilität in jeder denkbaren Dimension als Ursache und Wirkung, als Empfänger und Sender und natürlich als Information an und für sich machen den Erfolg aus. Ab jetzt!

Der erste Satz der Kommunikationsphantasie ist:

Gebt den tobenden Affen in ihren neuen Lebensgehegen intelligenten Zucker!

Teil zwei der Trilogie “Kommunikationsphantasie in drei Sätzen” lesen Sie hier.

Post to Twitter Tweet This Post

Abgelegt unter Konsorten Rat, Konsorten Wissen, Konsorten denken frei | 6 Kommentare

6 Kommentare zu “Erster Teil der Trilogie “Kommunikationsphantasie in drei Sätzen””

  1. [...] Sie haben den ersten Teil der Trilogie verpasst? Kein Problem. Lesen Sie hier Teil eins! [...]

  2. [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von kremer und konsorten, kremer und konsorten und Jörg Kremer, Jörg Kremer erwähnt. Jörg Kremer sagte: Erster Satz der Kommunikationsphantasie: Gebt den tobenden Affen in ihren neuen Lebensgehegen intelligenten Zucker! http://bit.ly/a6QXqk [...]

  3. [...] “Kommunikationsphantasie in drei Sätzen” auch eine unerwartete Wendung genommen. Teil eins und zwei haben weiterhin Bestand, Teil drei wurde aber völlig überarbeitet und um di Beruhigung [...]

  4. [...] -> Teil 1 [...]

  5. [...] Sie haben Teil eins und zwei der Trilogie verpasst? Kein Problem. Lesen Sie hier Teil eins! [...]

  6. [...] den Ansatz einer Idee haben, wie exzessiv das alles für Sie war, erwähnen Sie zum Beweis dies: “Konsortenphantasie in drei Sätzen”. Genießen Sie den Unglauben, den Sie auslösen und würzen Sie den Eindruck mit dem Wort [...]

Trackback URI | Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben