Wer bin ich, eine Neujahrsansprache meine halten zu können? Nicht Barak Obama, nicht Horst Köhler. Nicht einer der hunderttausend Vorgesetzen, die eine Weihnachtsfeier zur Bühne einer Neujahrsansprache umdekorieren. Ich weiß es nicht, was mich treibt, aber es treibt mich. Deshalb werde ich jetzt nicht länger hinterfragen, warum ich diese Ansprache schreibend halte. Ich lasse sie einfach raus.
Natürlich nicht ohne Respekt vor dem Anlass. Ich sitze aufrecht am Schreibtisch, die Füße geschlossen, trage Anzug, Hemd und eine Cravatte Foulard, rechts neben mir steht ein Glas stillenWassers, links ein floristisches Großereignist, hinter mir öffnet sich das zum Anlass frisch gereinigte Fenster zur Landeshauptstadt.
Stehen wir eigentlich jedes Jahr an so vielen Scheidewegen, wie wir es in diesem Jahr getan haben? Gefühlt – nein. Realistisch – ja.
Die Gesellschaft ändert sich dramatisch von der Konsum- zur Mitmachgesellschaft. Deutschland 2.0 entsteht. Und man hat den Anschein, als würden wir diesmal nicht abwarten, bis alle Gesellschaften 2.0 sind, bevor wir uns zur Veränderung durchringen. Die Deutschen machen diesmal einfach mit und sie machen es erwartungsgemäß gründlich. Gründlicher als andere. Treiber dieser Entwicklung ist das Mitmachinternet – Internet 2.0.
Leidtragende der Mitmachgesellschaft sind die klassischen Medien, die vom Meinungsmacher zum Meinungshinterherläufer werden, die die Macht, der Informationsverteilung und der Informationsbewertung plötzlich in den Händen der breiten Masse sehen. Eine ganze Branche muss sich in sehr kurzer Zeit völlig neu erfinden und tut sich alles andere als leicht damit.
Der Umbruch in der Medienlandschaft ist eigentlich sehr zu begrüßen, weil so manches alte Kartell und altes Denken aufgebrochen wird. Die neuen Akteure, die netten Inszenierer des Mitmachens im Internet, scheinen aber eine überfällige Ideologie durch die nächste zu ersetzen. Man muss beobachten, wie intensiv die Neuen ideologisieren und sehr wachsam sein, ob und wie die neuen Mächtigen mit der frisch erlangten Macht umgehen können. Denn eines haben diese Mitmachmächtigen nicht. Erfahrung mit der Macht. Zu was das führen kann, haben wir in der Geschichte schon oft gesehen. Und wir erleben das tagtäglich mit charakterlich nicht für Machtausübung Geeigneten. Sie neigen zur Überreaktion.
In allen Medien wird zur Zeit darum gestritten, ich meine wirklich gestritten, ob die mediale und damit einhergehende gesellschaftliche Entwicklung, dem Menschen und Menschsein dienlich ist – oder nicht. Da sind die Apologeten des Untergangs, als intellektuelles Sprachrohr allen voran Frank Schirrmacher mit seinem Buch Payback, die, wie in der guten alten Zeit, von alten Männern ausgesprochene Warnungen gegen das Neue inszenieren. Er spielt, für viele stellvertretend, eine wichtige Rolle in der Diskussion, eignet sich sein Denken und Sagen doch sehr gut, um sich daran gedanklich nach vorne und nach oben zu reiben. Dann gibt es die Sascha Lobos dieser Welt, die sich den Entwicklungen mit leicht masochistischer Attitüde hingeben. Genussvoll, doch leidend. Leidend, aber lustvoll. Wissend um den Wahnsinn der Übertreibung, karrikieren sie sich selbst. Spielen ihre Rolle aber konsequent nach dem Metadrehbuch der weltweiten Entwicklung. Man möchte beiden Recht geben und ihnen gleichzeitig sagen, wie banal beide wirken, wenn Sie beginnen, ihren Weg ideologisch zu gehen. Denn Ideologie macht jeden Menschen irgendwann zur Witzfigur.
Auffällig ist, dass beide einer Generation angehören, die mit dieser Technik nicht aufgewachsen, sondern nur groß geworden sind. Wirft man das wache Auge auf die Generation, die mit dem medialen Wandel aufgewachsen ist, findet man den wahren Umgang mit der Veränderung. Und der ist weit weniger dramatisch, als die damit Großgewordenen es empfinden. Im positiven wie im negativen Sinn. Mitmachtechnik ist integrierter Bestandteil des Lebens. Ohne das Gefühl des Drucks oder Gehetztseins.
Bei Auto, Eisenbahn, Motorrad, Telefon, Radio, Fernseher und so banalen Dingen, wie dem Walkman und dem Gameboy, tauchten direkt hinter den Betriebsanleitungen die auf, die diese Erfindungen als Segen oder als Untergang für die Menschheit gesehen haben. Die ideologisch geprägten Verneiner oder Bejaher waren in jedem Fall die, die zuerst untergingen. Indem Sie den Anschluss verpassten oder an der Intensität der Nutzung scheiterten. Der natürliche Umgang mit den Technologien hat auf breiter gesellschaftlicher Front immer zu normalen Weiterentwicklungen der Gesellschaft geführt.
Einen ähnlichen Ablauf werden wir auch jetzt beim Mitmachinternet feststellen. Aus allen technischen Revolutionen haben wir eines gelernt. Der sinnvolle Umgang damit, stellt den wahren Fortschritt dar. Die Ideologen werden nach kurzer Zeit zu Aussenseitern werden. Belächelte Verneiner und belächelte Extremnutzer. Irgendwann werden Sie vom Mainstream überrollt und vergessen werden. Je nach Ausgang des Fortschritts, darf man dann den einen oder den anderen irgendwann noch mal etwas Recht haben lassen – und Abgang.
Wird der Umgang mit Internet 2.0 im nächsten Jahr grundsätzlich entschieden? Gefühlt – ja. Realistisch – nein!
Warum dieser Schwerpunkt auf Internet 2.0 bei einer Neujahrsansprache? Weil sich mehr und mehr Veränderungen durch dieses Medium ergeben. Kommunikation ändert sich. Das ist banal. Partnerschaften entstehen grenzenlos. Das wirkt schon tiefer. Arbeit wird dezentraler. Das verändert massiv. Wissen haben nicht mehr wenige Ausgewählte. Wissen hat jeder. Das verändert grundlegend. Meinungen hatten früher Einzelne. Heute kann jeder eine wahrnehmbare Meinung haben und sehr viele nutzen das schon. Mehrheiten musste man früher mit grossem Aufwand erzeugen. Heute provoziert man diese und lässt sie selbst entstehen. Das verändert die Kultur radikal. Früher hat man bei einer Volkszählung den Untergang der Intimsphäre beweint. Heute gibt jeder ein Vielfaches dieser Informationen freiwillig ab. Es entstehen ganz neue Chancen persönlicher und professioneller Zuwendung. Früher musste man Seinesgleichen lange suchen und hielt deshalb fest an ihnen. Heute findet man sich schnell, verliert sich wieder, um sich in anderen Interessen wieder zu vereinen.
Ja, das alles beinhaltet auch Risiken und Nebenwirkungen. Konzentrieren wir uns in Zwanzigzehn doch einfach mal auf die Chancen und arbeiten die, jeder für sich, bewusst und sensibel heraus.
Am Ende könnte ein Bild entstehen, ein Netzwerk der positiven Kraft, wie es im Film “Avatar – Aufbruch nach Pandora” mal um mal entsteht. Ein Netzwerk der Natur, das sich ständig in der Waage hält, ein Netzwerk der Menschen unter einander und mit der Natur, die sich an und mit der Kraft der Natur immer wieder ausrichten. Nein, das ist kein Ökogeschwätz, dass ist die Aufforderung, sich wieder auf archaisches Wissen, auf Instinkte zu besinnen.
Erstaunlich, dass so wichtige Botschaften heute von Computern animiert, 300 Millionen verschlingend, in “Real-3D” besser übermittelt und aufgenommen werden, als würden diese Worte von einem Nobelpreisträger gesprochen.
Oh robo, es tut mir wirklich sehr Leid. Ich hatte einen totalen Namensdreher im Kopf.
Natürlich ist das Buch von Frank Schirrmacher. Bei dem ich mich für den Dreher hier auch entschuldigen möchte. Das Buch steht in Sicht- und Greifweite und der Eindruck ist auch noch aktuell. Der Dreher ist mir ein Rätsel.
Beste Grüße und ebensolche Wünsche für das neue Jahr.
Jörg Kremer
…tja; möglicherweise versteht robo ja alles “miß” und wir reden von unterschiedlichen Veröffentlichungen.
Jedoch; steht auf dem Cover von “Payback” nicht Frank Schirrmacher?
” Payback: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen (Gebundene Ausgabe)
von Frank Schirrmacher (Autor) ”
http://www.amazon.de/Payback-Informationszeitalter-gezwungen-Kontrolle-zur%C3%BCckgewinnen/dp/389667336X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1262596753&sr=1-1
mfg und ein gutes neues Jahr
robo
Was will uns robo mit der Frage sagen? Ist es nicht sein Buch? Es ist zu 90% eine Stoffsammlung des Denkens anderer. So sehe ich es. Dennoch ist es sein Buch. Er steht auf dem Cover und bekommt das Geld dafür!
“… sind die Apologeten des Untergangs, als intellektuelles Sprachrohr allen voran Stefan Niggemeier mit seinem Buch Payback,…”
Niggemeiers Buch??? (Namensdreher wurde bereits korrigiert! Jörg Kremer)
Hmmm???
mfg
robo (grübelnd…)