Was macht uns so veränderungsallergisch?

Veränderungen haben der Menschheit schon immer allergrößte Probleme bereitet. Gerade jetzt ist Veränderung wieder ein omnipräsentes Thema. Es geht um die Veränderung der Medienwelt und damit um eine Veränderung der Gesellschaft.

Die Erklärungsansätze, warum wir Menschen uns mit dieser Veränderung so schwer tun, sind mannigfaltig und werden auf hohem intellektuellem Niveau formuliert. Zur Zeit stehen die digitalen Helden den Helden der Holzmedien auf offener Straße in Sichtweite gegenüber. Der Kampf wird mit den Waffen des Intellekts ausgetragen. Es fliegen keine Kugeln und trotzdem gibt es Verletzungen. Sogar schwere.

Um das spezifische Problem dieser medialen Veränderung und den mühsamen Umgang damit zu klären, bevor später die Veränderungsallergie grundsätzlich und letztendlich geklärt wird, kann man sich auf das Thema Macht konzentrieren.

Redakteure und Journalisten haben früher darüber entschieden, was die Gesellschaft wissen darf und soll und aus welchem Betrachtungswinkel dies zu geschehen hat. Nun verlieren die ehemals Mächtigen genau dieses Machtinstrument. Information kann heute jeder produzieren und verbreiten und diese Chance nutzen immer mehr Menschen. Information ist absolut demokratischer geworden. Den Informationsmächtigen schwindet die Macht. Wer einmal Macht hatte, der weiß, wie schwer es fällt, diese abzugeben. Besonders, wie in diesem Fall, wenn man sicher sein kann, dass diese Macht für immer verloren ist.

Veränderung scheint den Menschen aber grundsätzlich ein Problem zu bereiten. Das stellen auch wir fest, in einer Branche, die ja grundsätzlich von Veränderung lebt. Doch wenn wir Werber die Veränderung zu groß werden lassen, bei Produkt- oder Kommunikationsveränderungen, wendet sich der Kunde plötzlich ab. Es heißt dann immer, man sei zu früh gewesen. War man nicht. Man war zu weit. Nicht die Zeit ist Schuld, nicht der Kunde, sondern der Werber.

Schauen wir doch einfach mal dort hin, wo wir entscheiden, ob wir Veränderung gut finden oder nicht. Ins Gehirn.

Das Gehirn ist, ob der Komplexität des menschlichen Lebens, stets bemüht, Programme abzulegen, die es aufrufen kann, wenn bestimmte Aktionen anstehen. Nur durch diese Arbeitsweise des Gehirns können wir die Komplexität heutigen Lebens bewältigen. Mit steigender Komplexität wächst die Notwendigkeit Programme abrufen zu können und nicht jede Entscheidung immer wieder neu fällen zu müssen. Wenn die Gesellschaft sich, wie schon lange, schneller evolutioniert als der Mensch mit evolutionären Veränderungen darauf reagieren kann, wird die Komplexität des Lebens immer größer, was deutlich mehr Programme und deren Einhaltung nötig macht.

Das Programm “zur Arbeit fahren” beinhaltet hunderte, gar tausende vorentschiedene, automatisierte Verhaltensweisen. Wechseln wir den Arbeitgeber oder nur das Büro, treffen wir auf eine Umleitung auf der Straße, haben wir Veränderungen zu verarbeiten, die es dem Gehirn schwer machen. Das Programm “zur Arbeit fahren” wird gestört und der Rest des Programms ist neu zu berechnen. Da das Gehirn ständig bemüht ist, Energie zu sparen und zu vereinfachen, empfindet es eine solche Veränderung, rein organisch, als völlig unnötige Belastung. Rein organisch sind wir Menschen deshalb schon gegen Veränderung.

Wie viele Programme hat der Mensch vom Wachwerden bis zum Einschlafen? Es sind tausende. Hätte er sie nicht, hätte das Gehirn zig Millionen Einzelentscheidungen zu treffen. Der Mensch wäre nicht lebensfähig.

Ein neues Mobiltelefon, das sich anders bedienen lässt, schwächt demnach unsere Überlebensfähigkeit. Das Prinzip greift auch beim Kauf von Lebensmitteln, die plötzlich anders verpackt, deshalb anders transpotiert, gelagert, geöffnet, zubereitet werden müssen. Das hat Auswirkungen auf zig andere Programme die damit plötzlich nichts mehr wert sind. Das Hirn reagiert in diesem Fall gerne auf ein  anderesProdukt, das ihm verspricht, dass bei ihm alles beim Alten bleibt. Es sagt: Du wirst mit mir leichter überleben. Zack gekauft!

Ein neues Sofa mit neuem Platz im Wohnzimmer zieht viele Programmwechsel nach sich, die alle das Sofa beinhalteten. Mittagsschlaf, Buchlesen, Sex, mit den Kindern toben. So dauert es und kostet es Kraft, bis alle Programme geändert wurden und man sich wieder “zuhause” fühlt. Das Gehirn weiß das und sträubt sich deshalb relativ lange gegen ein neues Sofa.

Ein neuer Partner. Horror für das Gehirn. Sämtliche Programme, die gemeinsame Aktivitäten enthalten, sind mit einem Schlag nicht mehr gültig. Das Gehirn muss ständig arbeiten, entscheiden, abwägen. Die menschliche Überlebensfähigkeit wird massiv geschwächt. Deshalb trennen sich die meisten Menschen viel zu spät!

Es gibt aber noch die persönlichen Ausprägungen jedes einzelnen Menschen, die, im limbischen System verankert, die Veränderungsliebe oder den Veränderungshass individuell ausprägen. Der im limbischen Marketing definierte “Bewahrer” gibt dem Gehirn absolut Recht in seinem Energiespardrang und Veränderungen werden von diesem Menschentypus deshalb am liebsten vermieden. Die völlig entgegengesetzte Position zu den “Bewahrern” stellen die “Abenteurer” dar. Sie lehnen sich ständig gegen das Sparprogramm des Gehirns auf. Sie machen die Veränderung zum Lebensprogramm – Überlebensprogramm. So wird selbst dieser vordergründige Veränderungsdrang zur Gewohnheit für das Gehirn. Der “Abenteurer” wird überlebensfähig.

Man muss jetzt nicht mehr wirklich erklären, warum die epochale Veränderung der Medienlandschaft, der Informationslandschaft und damit der Gesellschaft, für die allermeisten Menschen eine Überlebensfrage ist. Die einen fragen sich, ob sie ohne Zeitung oder Bücher überleben können, die anderen blicken ängstlich einer eingeschränkten Internetnutzung entgegen. Beiden geht es nur ums Überleben.

Dass die einen Macht gewinnen und die anderen Macht abgeben ist dabei nur nebensächlich. Das Holzmedien in tausenden von Programmen fester Bestandteil sind und ein Verzicht die Programme unsicher macht, dass ist das Problem. Vice versa bei den “Digital Natives”.

In tausenden von Jahren ging es bei Veränderungen immer wieder um das Überleben des Menschen, wir haben uns ständig von Neuem bedroht gefühlt. Und warum? Weil unser Gehirn faul ist. Oder gibt es irgendeinen Grund, etwas gegen Strassenbeleuchtung zu haben, als diese erfunden wurde? Man war dagegen.

Es ist demnach ganz einfach, sich der Veränderung zu stellen und sie anzunehmen. Denn dass es ums Überleben geht, ist ein Trick des Gehirns, auf den wir ab jetzt nicht mehr reinfallen.

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