DIN A4 Gedanke: Talent

Talent wiegt schwer. Griechisch betrachtet wiegt ein Talent sechzig Minen, was europäische sechsunddreißig Kilo sind.

Persönlich gesehen erleichtert es als Gewissheit viel und hilft, sich am Schopfe, am eigenen, in dilettantische bis professionelle Höhen hieven zu können. Es nimmt dann eher Gewicht, als dass es Gewicht gibt. Wenn man es hat, das Talent und mal um mal verspielt, dann erdrückt das griechische Gewicht in der hundertsten Potenz. Wenn Talent beschieden, aber für das eingeschlagene Leben unwichtig, kann man das „anvertraute Gut“, wie Matthäus das Talent gerne neutestamentarisch liebkost, verprassen. Man kann es lustvoll, griechisch, gewichtig verschleudern. Die Talentlosen werden weinen. Der Talentierte, die im Blut der Anstrengung Ersaufenden belächelnd, da sie sich ja nicht, erleichtert durch Talent, magisch an der Oberfläche halten können.

Das Gewicht des Talentes ist auch sein Wert. Den Griechen war es 6000 Drachmen wert. Wenn man das Talent nicht nutzt, das per Gen gegeben, ist es nicht eine Drachme wert. In Gewissheit genutzt und persönlich aufgewertet, kann es unbezahlbar werden. Doch die Währung Talent hängt nicht nur von der Nutzung, sondern auch vom Inhalt ab. Ein Talent ist schön, das richtige Talent ist schöner. Selbst schönere Talente sind aber nicht so energetisch, wie das Genie, sie sind nur eine Chance. Talente drängen nicht, sind nicht schöpferisch, sind keine Urgewalt. Sie ziehen nicht, sondern müssen geschoben werden. Was den Griechen das höchste Maß im Gewicht der Dinge war, was Matthäus biblisch formulieren lies, ist demnach nichts, wenn der mit Talent Behaftete es nicht leidenschaftlich mit eine Aura der Kraft umgibt, es zu schieben, zu beschleunigen, ins Ziel zu katapultieren.

Nur Leidenschaft kann Talent zur Genialität treiben! Talent ist eben nicht mehr als eine Chance. Aber auch nicht weniger. Denn eins ist sicher, man kann Talent nicht lernen, nicht erwerben, nicht erzwingen. Entweder man hat es, oder hat es nicht.

Wenn demnächst ein Lebenshilfe-Buchtitel suggerieren sollte, dass Talent erlernbar sei, lassen Sie es liegen. Der Autor lügt.

(DIN A4 Gedanken sind Wortübungen rund um ein Wort, eine Beobachtung, einen flüchtigen Gedanken, eine erlebte Zumutung oder ein überragendes Ereigniss. Manchmal auch nur Ventil für ein zu reges Gehirn. Nie real. Und wenn doch, dann dramatisch überhöht. Bei 12 Punkt Schriftgröße und einem 1.5-fachen Zeilenabstand maximal eine DIN A4 Seite lang. Sinnlos. Und das ist der Sinn.)

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