In einem Blog einer Marketing- und Kommunikationsagentur haben politische Themen nichts zu suchen. Schon gar nicht bei Konsorten. Denkt man. Marketing und Kommunikation muss sich aber ständig mit den Menschen, dem Staat und dessen Protagonisten beschäftigen, um erkennen zu können, wo das Herz der Masse sitz, um diese mit der werblichen Kommunikation erreichen zu können. Manchmal ist es angenehm, zu beobachten. Manchmal fällt es schwer. Die Sarraziner und den Sarrazinismus dieser Welt zu beobachten fällt sehr schwer. Schauen wir doch mal auf den Häuptling der Sarraziner.
Sarrazin hat eine Eigendynamik in seiner „ich lege meine Finger in Wunden und spreche ungefiltert darüber“-Rolle entwickelt, die dazu führt, dass er jeden zu beschreibenden Zustand immer extremer machen muss, um immer „offener“ darüber reden zu müssen! Das ist wie eine Droge. Er braucht immer mehr, um den Kick zu bekommen. Und man stelle sich mal vor, er würde milder und konstruktiver. Jeder würde sagen und schreiben, er wäre alt und schwach geworden, seine Kraft wäre gebrochen. Da hört er als 65er doch lieber, was für ein harter Hund er ist. Nimmt dann seinen Rucksack, Ausdruck von adoleszenter Kraft, Unabhängigkeit und Flexibilität und zieht zur nächsten „Baustelle“ in Deutschland.
Wenn die Menschen vermeintliche Statistikkaft von richtiger Kraft nicht mehr unterscheiden können, muss man sich fragen woran das liegt. Womöglich daran, dass es heute kaum noch Aussagen zu populären Themen gibt, die nicht Statistiken bemühen, um als besonders oder besonders wahr zu erscheinen. Stellen Sie sich das Wetter, den Fußball, Arbeit, Staus, Verbrechen, Sex ohne Statistiken vor. Jedes Ereignis wird statistisch belegt, eingeordnet, bewertet und entweder künstlich erhöht oder klein gemacht.
Sie schwitzen doch auch direkt mehr, wenn es brutal heiß ist und sie dann noch gesagt bekommen, es ist der heißeste Tag in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Wird es Ihnen auch gleich kühler, wenn Sie 2010 erfahren, dass es am selben Tag 1997 noch heisser war? Wenn Sie im Stau stehen und erfahren, dass die Ferienstaus in diesem Jahr durchschnittlich 20% länger sind, ärgert man sich gleich etwas mehr als 20% stärker. Wenn jemand seinen Job verliert und liest, dass das statistisch gerade im Trend liegt, ist er doch gleich viel ruhiger. Wenn man in seiner Stadt lebt und mit Migranten null Probleme hat, ist man doch erleichtert, wenn einem eine statistische Bedrohung ans Herz gelegt wird und man sich wieder ein wenig fürchten kann. Verliert ein Bundesligist, ist er doch total froh zu erfahren, dass im direkten Vergleich der beiden Mannschaften er im Zeitraum von 20 Jahren statistisch dennoch die bessere Mannschaft ist. Und stellen Sie sich die extrem beruhigte Frau vor, die erfährt, dass ihr Mann nur ganz knapp unter dem Durchschnitt ausgestattet ist. Und wenn es mal nicht klappt, kann man entspannt einschlafen, weil man statistisch immer noch über dem Durchschnitt liegt.
Wir wollten Sarrazin aber nicht damit ehren, dass wir ihn in sexuellen Kontext stellen. Das wäre der Ehre eindeutig zu viel.
Wir lernen daraus, dass es immer irgendeine Statistik gibt, die uns hilft, wenn wir Hilfe brauchen und die uns besorgt, wenn wir nach Besorgnis sehnen. Und Sarraziner finden immer eine Statistik, um aus normalen gesellschaftlichen Problemen, dramatische Selbstinszenierungen werden zu lassen.